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Lise Davidsen an der Met "Ich glaube nicht an Schicksal"

Am 9. März überträgt die Metropolitan Opera in New York die Vorstellung von Verdis "La forza del destino" rund um den Globus. Die Sopranistin Lise Davidsen gibt mit der Leonora ihr Rollendebüt und spricht im BR-KLASSIK-Interview über ihre Schicksalsdefinition, ihre Heimat Norwegen und den Trick, Verdi und Strauss gleichzeitig zu singen.

Lise Davidsen | Bildquelle: James Hole

Bildquelle: James Hole

BR-KLASSIK: Mit der Leonora an der Metropolitan Opera geben Sie Ihr Rollendebüt. Wie kam es dazu?

Lise Davidsen: Ich hatte die Arie "Pace, pace" schon für eine Verdi-Studioaufnahme studiert. Es war immer ein Wunsch von mir, Verdi zu machen, und für alles den richtigen Ort und die richtige Zeit zu finden. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel in "Don Carlo" gesungen. Aber so weit zu sein, die Leonora in "La forza del destino" zu singen, war wirklich ein großer Schritt für mich, musikalisch und künstlerisch.

BR-KLASSIK: Wie lange haben Sie überlegt, zuzusagen, die ganze Oper zu machen?

Lise Davidsen: Ich habe fast die ganze Oper schon konzertant gemacht. Ein Jahr davor habe ich angefangen, mich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Wie gesagt, die große Arie habe ich schon früher gesungen, und dann mal so ein bisschen hier und da was von der Rolle. Aber grob geschätzt war es ein Jahr lang Vorbereitung.

BR-KLASSIK: Ist die Leonora komplexer als andere Figuren, die Sie gesungen haben?

Lise Davidsen: Die Rolle selbst würde ich nicht als zu komplex bewerten. Sie ist eine junge Frau, die wahnsinnig verliebt ist und einfach nur weg will. Aber als Oper im Ganzen ist es eins der komplexesten Stücke, die ich bisher gemacht habe. Das hat mit dem Überthema zu tun. Was definieren wir heute als "Macht des Schicksals"? Damals war es sicherlich stark abhängig von der Religion. Die Leute gingen in die Kirche, um Antworten auf die großen Fragen zu finden. Aber heute? Das hat mich viel beschäftigt beim Studieren. Und ich glaube, die Produktion von Mariusz Treliński hilft ganz gut, das in ein Setting zu bringen, dem wir heute etwas näher sind.

Es sind Entscheidungen Einzelner, die Auswirkungen auf viele andere haben.
Lise Davidsen

BR-KLASSIK: Glauben Sie persönlich an Schicksal?

Lise Davidsen | Bildquelle: Kissinger Sommer Lise Davidsens Motto: Versuche nett und gut zu sein, und die Dinge werden auch gut werden. | Bildquelle: Kissinger Sommer Lise Davidsen: Ich würde nicht sagen, dass ich als Konzept daran glaube – oder danach lebe. Also dass es vorbestimmt ist, was ich tue. Aber ich glaube schon, dass es bestimmte Faktoren im Leben gibt, die Richtungen vorgeben und Dinge beeinflussen. So etwas wie soziale Herkunft, wie man aufwächst, was man sich leisten kann. In meinem Fall ein Elternhaus, das mich unterstützen konnte. Die Tatsache, dass ich frei entscheiden konnte, singen zu wollen, dass es für Probleme jeglicher Art nicht nur private, sondern eben auch staatliche Absicherungen gibt und so weiter. Ich halte es eher einfach im Sinne von: Versuche nett und gut zu sein, und die Dinge werden auch gut werden. Man sollte helfen, wenn man helfen kann. Wenn man sich gerade umschaut in der Welt, ist es schwer zu glauben, dass es das Schicksal all dieser armen Menschen ist, vertrieben und getötet zu werden. Es sind Entscheidungen Einzelner, die Auswirkungen auf viele andere haben. Ich glaube nicht ans Schicksal oder richte mein Leben danach aus.

BR-KLASSIK: Da Sie es vorhin erwähnt haben: Wie bringt der Regisseur Mariusz Treliński das komplexe Thema "Schicksal" auf die Bühne?

Lise Davidsen: Es ist recht modern angelegt. Die Produktion spielt rund um das Hotel Calatrava, einem großen Unternehmen, das dem Vater gehört. Aber es zeigt sich auch in einem Besetzungs-Detail: Solomon Howard, der den Vater singt, übernimmt auch die Rolle des Padre Guardiano, und das ist schon interessant. Denn es lässt durchblitzen, wie weit der Schatten des Vaters greift. Das Hotel ist der Bunker der Macht und Symbol für die Unterdrückung, unter der Leonora leidet. Der Vater bestimmt alles, nicht nur, ob oder wohin sie gehen darf, sondern auch, wie sie sich anziehen soll. Und dann flüchtet sie aus diesem Korsett, sucht Antworten und öffnet sich just jenem Mann, der dem Vater doch sehr ähnelt. Es ist nicht so platt, dass Pater und Vater eine Figur sind, sondern eine Deutungs-Schicht dahinter. Der Mensch sucht eben gerne das, was er bereits kennt. Auf der einen Seite will Leonora dieser Macht- und Gewaltspirale entkommen, auf der andere Seite liebt sie ihren Vater auch nach wie vor. Aber unterm Strich ist es vermutlich die Parabel über die Macht und wozu sie Menschen befähigt.

Verdis 'La forza del destino' ist eine Parabel über die Macht und wozu sie Menschen befähigt.
Lise Davidsen

BR-KLASSIK: Die Met ist ja bekannt für ihre Riesenbühne. Wie ist es, da zu singen?

Lise Davidsen: Man kann in der Met sehr gut singen, obwohl sie so groß ist. Mariusz Treliński hat sich hier auch für eine Drehbühne entschieden, so dass es immer wieder Situationen gibt, in denen man zusätzlich von hinten oder der Seite Unterstützung bekommt. Man muss nur aufpassen, dass man nach vorne singt, sonst verschwindet man in der Met. Aber durch die Drehbühne ist es ganz gut gelöst.

BR-KLASSIK: Dieser Met-Abend wird ja in die Kinos und Radios übertragen, auch bei BR-KLASSIK. Sind Sie da noch mal nervöser als sonst?

Lise Davidsen als Leonora in Giuseppe Verdis "La forza del destino", Metropolitan Opera, März 2024 | Bildquelle: © Karen Almond / Met Opera Lise Davidsen gibt ihr Rollendebüt als Leonora in Verdis "La Forza del destino". BR-KLASSIK überträgt die Opernvorstellung an der New Yorker Met. | Bildquelle: © Karen Almond / Met Opera Lise Davidsen: Ja, total. Ich würde es sogar eine zweite Premiere nennen. Auch Backstage sind doppelt so viele Menschen unterwegs wie sonst, so viele Kameras. Wir haben extra Mikrofone an uns, aufs Schminken und in die Kostüme wird nochmal mehr Aufmerksamkeit gelenkt, und natürlich kommt das bei uns an. Zu wissen, wir singen nicht nur für die 3000 Menschen im Saal, sondern auch für die Was-weiß-ich-wieviel-Tausend am Radio und in den Kinos – das macht schon was mit mir. Ich würde mich freuen, wenn ich sagen könnte, es ist nur eine von vielen Vorstellungen, aber es ist schon sehr aufregend. (lacht)

BR-KLASSIK: Und haben Sie ein Geheimrezept dagegen?

Lise Davidsen: Vor der Premiere ist Nervosität ganz normal. Das ist vermutlich auch gut so, um sich zu konzentrieren und auf die Rolle zu fokussieren. Aber sobald man im Haus ist, beginnt eine andere Phase: den Job erledigen, so gut zu sein, wie es an dem Tag eben möglich ist. Die Tage vorher sind heikler, da muss man aufpassen, dass man sich gut ablenken kann. Am Tag selbst ist eigentlich ganz klar, was zu tun ist.

Vor der Premiere ist Nervosität ganz normal.
Lise Davidsen

BR-KLASSIK: Sie haben schon viel Wagner und Strauss gesungen, vergleichsweise wenig Verdi – kann man die beiden Arten des Gesangs miteinander vergleichen und sie auch füreinander nutzen?

Lise Davidsen: Ja, sicher, man kann immer voneinander profitieren, finde ich. Interessanterweise studiere ich gerade parallel die "Salome" von Richard Strauss. Natürlich ist diese Partie ganz anders als die Leonora. Bei Strauss ist es viel schwieriger, Text und Rhythmus zusammenzubekommen. Bei Verdi dominiert die große vokale Linie über allem, der Schöngesang. Aber am Ende sollte in beiden alles drin sein. Also nutzt es einem schon, verschiedene Techniken miteinander zu kombinieren. Der Lernprozess ist natürlich anders, klar.  

BR-KLASSIK: Sie sind gerade in New York – könnten Sie dort auch dauerhaft leben?

Lise Davidsen: Die Wohnsituation ist verrückt, man findet kaum etwas, die Mieten sind sehr hoch. Aber ich mag die Stadt, sie hat eigentlich alles, was man braucht, vor allem hier in der Nähe des Central Park, von wo aus ich schnell zur Probe kann. Es ist jetzt nicht wie Zuhause, aber eine ganz gute Alternative.

BR-KLASSIK: Und was ist "Zuhause" für Sie?

Lise Davidsen: Aktuell bauen wir, also ist "Zuhause" eher eine Baustelle (lacht). Und zwar bei Oslo. Aber wir haben auch eine Wohnung in London. Dorthin gehe ich dann auch, wenn ich wieder ein bisschen Zeit habe, also nach den Auftritten in München Ende März, Anfang April. Aber meine Heimat ist schon Norwegen.

BR-KLASSIK: Und was gibt Ihnen Norwegen?

Lise Davidsen: Schwer zu erklären, aber es ist vor allem wegen meiner Familie. Meine Eltern, meine Schwester und Neffen sind alle da, und ich möchte Zeit mit ihnen verbringen. Aber es ist auch die Ruhe. Mein neues Haus ist in Meeresnähe, das mag ich sehr, dort kann ich gut abschalten, irgendwie anders atmen. Ich meditiere auch, um runterzukommen. Es ist jetzt nicht völlig ab vom Schuss in der Prärie, aber schon außerhalb der Stadt, sehr ruhig. Gut, um Herz und Seele mit der Familie wieder aufzutanken.

Sendung: Giuseppe Verdis "La forza del destino" aus der Metropolitan Opera New York am 9. März 2024 ab 18:59 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (3)

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Sonntag, 10.März, 21:23 Uhr

Evi Reinders

La forza des destino an der met

Ich habe die Life-Übertragung im Kino gesehen. Die Inszenierung fand ich nicht gelungen. Diese abstruse story hätte man besser in der Mitte des 18. Jahrh. belassen, wie nach dem Libretto vorgesehen. Das wäre eher nachvollziehbar gewesen. Die langen Szenen über Kloster-Eintritte der Protagonisten zweck Buße tun etc. wirken in neuerer Zeit doch etwas entlegen. Die gesangliche Leistung fand ich sehr gut.

Samstag, 09.März, 21:47 Uhr

Lampart

Zigarette u.a.

Inszenierungen werden immer verrückter, die Leonora muss nun schon eine Zigarette rauchen, wie Herr Atzinger zu Beginn erklärt hat. Hat mit der Handlung überhaupt nichts zu tun. - Regisseure haben heutzutage nur noch völlig überzogene Einfälle, wie z.B. Videoprojektionen, die NUR stören, sonst nichts!

Donnerstag, 07.März, 17:16 Uhr

Fred Keller

Lise Davidsen

Mehrmals gehört halte ich die junge Frau masslos überschätzt, keine Ahnung vom Legato - Singen. Vorwiegend laut, daher der Hype mit dem Schlusston in der letzten Arie!

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