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ERFURT/ Theater: DAS RHEINGOLD. Bildstarke Inszenierung – der Mythos lebt

15.04.2024 | Oper international

ERFURT/ Theater: DAS RHEINGOLD am 14.4.2024

Bildstarke Inszenierung – der Mythos lebt

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Foto: Lutz Edelhoff

 

Die Inszenierung von Richard Wagners „Das Rheingold“ am Theater Erfurt, unter der einfallsreichen Regie von Jürgen R. Weber, manifestiert sich als außergewöhnliches Ereignis von herausragendem Charakter. In einer Ära, in der das sog.“Regietheater“ zu häufig durch kontroverse und destruktive Interpretationen auffällt, präsentiert Weber eine künstlerisch kreative und mystische Darstellung, die an epische Fantasiewelten wie Tolkiens „Herr der Ringe“ erinnert und zugleich die faszinierende Sphäre schamanischer Traditionen einfängt. Durch die außerordentliche visuelle Pracht und die tiefgreifenden Bildwelten entsteht eine fesselnde Atmosphäre, die das Publikum in den Bann zieht. Diese Wirkung wird noch verstärkt durch das engagierte Spiel der Sänger und das leidenschaftliche Orchester, die das Theater Erfurt in einem positiven Licht erstrahlen lassen. Webers Ansatz, den „Ring“ auf eine eigenständige Weise zu interpretieren, zeugt von künstlerischem Mut und eröffnet neue Dimensionen des Verständnisses. Bedauerlicherweise ist aufgrund der finanziellen Lage am Theater Erfurt keine Fortsetzung dieser vielversprechenden Produktion geplant. Angesichts der besonderen Qualität dieser „Rheingold“-Produktion sollte diese Entscheidung neu überdacht werden. Denn diese Inszenierung von „Das Rheingold“ ist ein Höhepunkt für das Theater und seine Zuschauer. Wagner-Enthusiasten sollten keinesfalls die Gelegenheit verpassen, diese einzigartige Darbietung zu erleben. Es existieren zahlreiche Möglichkeiten, den „Ring des Nibelungen“ auf der Bühne neu zu interpretieren, sei es durch Fragmentierung, zeitgenössische Kommentare oder dystopische Auslegungen.

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Foto: Lutz Edelhoff

Am Theater in Erfurt ist eine faszinierende und mystische Reise durch die Welt der Mythologie zu bestaunen. Weber wählt dazu einen eigenständigen, originellen Ansatz, der die Geschichte in eine märchenhaft surreale Ästhetik eintaucht und dabei auf psychologische Interpretationen verzichtet. Stattdessen setzt er voll auf die opulente und grenzenlose Fantasie der Bilder. Die Bühnenbilder von Hank Irwin Kittel, in enger Zusammenarbeit mit dem Kostümbildner Tristan Jaspersen und der Videokünstlerin Gretchen fan Weber, sind von atemberaubender Schönheit. Von einem opulenten Rheinriff bis hin zu kultischen Stelen, die an Stonehenge erinnern, und einem fantastischen Gebilde im Orbit – jede Szene ist ein visuelles Fest für die Sinne. Die Kombination aus archaischen Elementen und futuristischen Motiven schafft eine einzigartige Atmosphäre, die den Zuschauer in eine andere Welt entführt. Wotans Auge ist dabei allgegenwärtig. Die Inszenierung schreckt auch nicht davor zurück, drastische Momente einzubeziehen, wie beispielsweise den Verlust von Wotans Auge, der in brutalen Videos vor und nach „Nibelheim“ in „Splatter-Manier“ dargestellt wird. Dies ist nichts für schwache Gemüter und wirkt überhaus beklemmend drastisch. Viele Bilder hinterlassen einen tiefen Eindruck, wie etwa die Darstellung von Nibelheim als Höhlenschlund voller kriechender Würmer und Maden. Besonders spektakulär ist der Beginn dieser Szene mit fünf live spielenden Schlagzeugern, die als Nibelungen verkleidet sind und lautstark die Ambosse hämmern! Weber integriert das Publikum geschickt in die Personenführung, sodass verschiedene Auftritte aus dem Zuschauerraum erfolgen. Nicht alle Ideen überzeugen oder gelingen. Ein Beispiel dafür ist der hinzugefügte Mini-Prolog am Beginn der Vorstellung, in dem eine verkratzte LP mit den finalen Minuten der „Götterdämmerung“ zu hören ist, während Alberich und Wotan sich begegnen und dann getrennte Wege gehen. Die Intention dieses Aufeinandertreffens bleibt unklar und wirkt daher nicht wirklich erhellend. Misslungen wirkt der Mord an Fafner, wo Fasolt in die Seitenbühne rennt und Fafner ihm hinterherstapft, um dann lediglich seinen großen Stab mehrfach auf den Boden zu hauen, was eine unfreiwillig komische Wirkung hat. Diese kleinen Einschränkungen mindern jedoch nicht das Gesamterlebnis dieser spannenden und ungewöhnlichen Inszenierung. Auf der anderen Seite präsentiert sie viele kluge Ideen, die selbst dem intensivsten „Ring“-Zuschauer neue Erkenntnisse vermitteln. So gibt es Nibelheim bereits das Schwert Nothung. Und nur Wotan schafft es, dieses aus der Steindecke zu ziehen und bleibt von dieser besonderen Waffe fasziniert. Es gehört zum Hort der Niblungen. Die tumben Riesen lassen es achtlos liegen, so dass dann Wotan passend zum Schwert-Motiv in seinem finalen Monolog Nothung in den Mittelpunkt seiner Gedanken stellt. Das Gesangsensemble muss sich sehr ins Zeug legen, um nicht von der Bildmacht der Szene in den Schatten gestellt zu werden. Überragender Sänger der Produktion war Albert Pesendorfer als Wotan. Er zeigte sich durch eine Verletzung in seiner Beweglichkeit etwas eingeschränkt, was jedoch keinerlei Auswirkungen auf seinen Gesang hatte. Seine Interpretation des Wotan erfüllte Wagners Wunsch nach einem hohen Bass von nobler Qualität und kraftvoller Resonanz auf vollendete Weise. Er brillierte nicht nur mit seiner eindrucksvollen Bühnenpräsenz, sondern auch mit einem kraftvollen Gesang, der der Figur eine Tiefe und Komplexität verlieh. Seine stimmliche Leistung verwöhnte das Publikum mit breiten Legatobögen und mühelos gemeisterten Höhen, wobei sein „Abendlich strahlt der Sonne Auge“ als besonderer Höhepunkt hervorstach. Es ist unbestreitbar, dass Pesendorfer bereits jetzt mit seiner Darbietung in die Spitzenliga der heutigen Wotan-Sänger gehört. Dennoch bleibt Raum für eine dynamischere Bandbreite von Flüstertönen bis zum Mezzoforte, und eine akzentuiertere Sprachbehandlung könnte die Vielschichtigkeit der Rolle noch weiter vertiefen. Im „Rheingold“ verlieh Pesendorfer Wotan zwar bereits eine gewisse Facettenhaftigkeit, indem er die hitzköpfige, arrogante und ironische Seite der Figur andeutete, jedoch könnte eine intensivere Textgestaltung seinem Gesang erheblich zugutekommen und den Rollencharakter schärfer profilieren. Trotz dieser Anmerkungen verdient seine stimmliche Meisterschaft höchstes Lob.

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Foto: Lutz Edelhoff

Völlig berechtigt galten ihm die stärksten Ovationen. Katja Bildt überzeugte als Fricka mit ihrer Bühnenpräsenz und ihrem nuancierten Spiel. Stimmlich wirkte sie etwas zurückhaltend und auch in den Textfarben nutzte sie nur wenige Nuancen. Laura Nielsen verkörperte die Freia mit Anmut und Ausdruckskraft, während Rose Naggar-Tremblay als Erda mit vielerlei Extremitäten eine mächtige Präsenz auf der Bühne entfaltete. Máté Sólyom-Nagy beeindruckte als Alberich mit seiner vitalen und wendigen Darstellung, die die Ambivalenz und Verzweiflung der Figur eindrucksvoll zum Ausdruck brachte. Mit hoher Expressivität war er der ausdrucksstärkste Sänger des Ensembles. Lediglich in den Höhen machte sich hin und wieder Anstrengung bemerkbar. Besonders hervorzuheben ist die herausragende Leistung von Ewandro Stenzowski als Mime, dessen nuanciertes Spiel, kluge Interpretation und ungewöhnlich große Stimme die Rolle deutlich aufwerteten. Brett Sprague verkörperte den Loge mit einer Mischung aus List und Geschmeidigkeit, die die Facetten seiner komplexen Figur zum Leben erweckten. Im Spiel wirkte er zuweilen überdreht und eitel. Dass hier ein Halbgott die Strippen zog, war nicht zu erkennen. Die etwas zu tuntige Charakterzeichnung streifte gelegentlich zu deutlich den Klamauk, was der Rolle die Größe nahm. Gesanglich solide, überzeugte er mit guter Textverständlichkeit. Sam Taskinen und Kakhaber Shavidze als Fasolt und Fafner sind Riesen in beeindruckender Gestalt, die gesanglich wenig überzeugten. Taskinens baritonal anmutende Stimme verengte sich oft und Kakhaber Shavidze fiel durch eine recht abenteuerlich anmutende Aussprache auf, die nicht selten an Esperanto erinnerte. Auf außergewöhnlich hohem Niveau waren hingegen die Rollen von Donner und Froh besetzt. Alik Abdukayumov zeigte einen stimmstarken Bariton von besonderer Qualität mit viel Kraft und stimmlicher Kultur. Aufhorchen ließ Tenor Tristan Blanchet als Froh, der bereits jetzt überzeugend in das heldische Fach einsteigen könnte. Die Stimme ist schön und üppig im Klang. Sollte Erfurt sich doch noch für eine Fortsetzung des „Ringes“ entscheiden, wäre er ein idealer Siegmund. Fabelhaft! Die Rheintöchter mit Candela Gotelli (Woglinde), Daniela Gerstenmeyer (Wellgunde) und Valeria Mudra (Flosshilde) komplettierten klangschön das spielfreudige Ensemble.

Das Philharmonische Orchester Erfurt, erweitert mit Musikern der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach unter der Leitung von Clemens Fieguth lieferte eine eindrucksvolle musikalische Begleitung, die die dramatischen Momente des Werks unterstrich und die Emotionen der Charaktere klanglich gut absetzte. Fieguth bewährte sich als vorbildlicher und sehr aufmerksamer Kapellmeister, der in flüssigen Tempi eine perfekte Balance zwischen Bühne und Graben realisierte. Zudem erhielten die Sängerinnen und Sänger stets ihre Einsätze von ihm, was keineswegs mehr selbstverständlich ist. Die Musikerinnen und Musiker zeigen eine bemerkenswerte Präzision und Leidenschaft in ihrer Darbietung. Das Orchester ertönte kultiviert und niemals lärmend. Ein besonderer Coup glückte dem Klangkörper im Vorspiel. Der äußerst heikle Beginn der Hörner wurde in einem extremen Pianissimo realisiert, an der Grenze der Spielbarkeit. Die Sauberkeit und technische Perfektion in der Umsetzung gelang bestechend, wie sie auch an einem großen Haus selten erlebt werden dürfte. Kleine Unstimmigkeiten bei den Bläsern traten zwar hin und wieder auf, minderten jedoch nicht das Gesamterlebnis. 

Das Publikum war restlos begeistert von der Aufführung, doch bedauerlicherweise hallte ein unschöner Buh-Ruf durch den Saal, der dem Dirigenten gegenüber völlig ungerechtfertigt war. Die Vorstellung am Sonntagnachmittag wurde durch das rüpelhafte Hustenverhalten einiger Zuschauer überschattet, die unaufhörlich ihre Bronchialauswürfe hemmungslos in den Raum entließen – eine respektlose Unart, die das Erlebnis trübte. Es wäre wünschenswert, wenn die Veranstalter vor Beginn darauf hinweisen, wie störend und unangemessen dieses Verhalten ist, und zur Höflichkeit ermahnen und anregen, den Husten gedämpft in die Armbeuge zu entlassen. Die Erfurter Produktion von Wagners „Rheingold“ besitzt Seltenheitswert! Sie ist ein beeindruckendes Schauspiel, das durch seine visuelle Pracht, seine herausragenden Darsteller und seine mitreißende Musik begeistert. Regisseur Jürgen R. Weber zeigt mit seiner Herangehensweise an das Werk ein tiefes Verständnis für den Mythos und eine unerschütterliche Hingabe an die ursprüngliche Intention Wagners. Im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Inszenierungen, die oft dazu neigen, den Kern des Stücks zu verwässern oder gar zu verfälschen, nimmt Weber den Zuschauer mit auf eine besondere Exkursion, die durch eine erhabene und zugleich fesselnde Bildsprache geprägt ist. Bemerkenswert ist Webers Fähigkeit, den Mythos des „Ring des Nibelungen“ in einer zeitgemäßen Weise zu interpretieren, ohne dabei seine künstlerische Integrität zu verlieren. Anstatt sich auf oberflächliche Aktualisierungen zu verlassen, schafft er eine zeitlose Ästhetik, die den Kern des Stücks unverfälscht widerspiegelt und gleichzeitig eine neue Perspektive eröffnet. Das Theater Erfurt kann stolz darauf sein, eine derart wegweisende Inszenierung präsentieren zu können. In einer Zeit, in der viele Opernhäuser sich eher auf oberflächliche Effekte konzentrieren, setzt Weber ein klares Zeichen für die Bedeutung von künstlerischer Substanz und Originalität. Seine Arbeit ist ein Plädoyer für die unerschöpfliche Kraft des Theaters, Geschichten zu erzählen und das Publikum zu inspirieren. Es ist daher von größter Bedeutung, dass das Theater Erfurt seine Unterstützung für diese außergewöhnliche Produktion fortsetzt. Eine Inszenierung von solcher Qualität und Bedeutung sollte nicht nur bewundert, sondern auch gefördert werden, denn sie bereichert nicht nur das kulturelle Leben der Region, sondern strahlt auch weit über ihre Grenzen hinaus. Wer diese Inszenierung erlebt, wird nicht nur von der Schönheit und Tiefe des Stücks beeindruckt sein, sondern auch von der künstlerischen Vision und dem Engagement, die sie verkörpert. Das bildstärkste und intensivste „Rheingold“ findet nicht in Bayreuth statt, sondern in Erfurt! Es ist ein Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte – eine Reise wert, um zu staunen und sich von der künstlerischen Bildsprache verführen zu lassen!

Dirk Schauß, 15. April 2024

Besuchte Vorstellung am 14. April 2024 am Theater Erfurt, Richard Wagner „Das Rheingold“

Fotos: Copyright by Lutz Edelhoff

 

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