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Kritik - "Amerika" in Zürich Spektakuläre Kafka-Oper

Wenn aus dem "American Dream" ein Albtraum wird: Das Roman-Fragment "Amerika" von Franz Kafka ist jetzt als opulentes Musiktheater in Zürich zu sehen. Eine Oper, die erzählerische Grenzen sprengt.

Oper "Amerika" in Zürich | Bildquelle: Herwig Prammer

Bildquelle: Herwig Prammer

An der Züricher Oper hatte am Sonntag ein Musiktheater Premiere, das 1966 uraufgeführt wurde, danach aber nur sehr selten zu hören war: Roman Haubenstock-Ramatis "Amerika" nach dem gleichnamigen Roman-Fragment von Franz Kafka. Die Züricher Oper kündigte ein spektakuläres Musiktheaterwerk an. Und spektakulär ist diese Produktion auf alle Fälle, wenn man allein den Aufwand betrachtet, der für diese Aufführung nötig ist. Neben dem Orchester im Graben gibt es bis zu drei weitere Orchester – diese allerdings sind vom Tonband zu hören, aber als Raumklang aus unterschiedlichsten Winkeln des Theaters.

Spektakulär ist auch die Partitur, weil sie mit grafischer Notation arbeitet und auch den Musikerinnen und Sängern gewisse Freiheiten lässt. Das setzt eine enorme Koordinationsleistung voraus. Gabriel Feltz, Dirigent der Produktion, und das gesamte Ensemble aus Musiker*innen und Sänger*innen leisten hier Enormes. Feltz sagt, dass er ungefähr ein halbes Jahr gebraucht hat, um mit dieser Partitur klar zu kommen.

"Amerika": Oper über den sozialen Abstieg eines Auswanderers

Szene aus "Amerika" an der Oper Zürich | Bildquelle: Herwig Prammer Die Oper "Amerika" erzählt vom sozialen Abstieg eines Auswanderers. Zu sehen ist das Musiktheater ab März 2024 in Zürich. | Bildquelle: Herwig Prammer Haubenstock-Ramati hat den Roman in 24 kurze Szenen gegliedert, inklusive vieler Ballettpantomimen, die auch komponiert sind. Der Komponist, der das Libretto selbst verfasst hat, bezeichnet "Amerika" zwar als Oper, aber de facto wollte er alles andere als eine Oper im herkömmlichen Sinn. Ihm ging es auch weniger um eine Vertonung der Vorlage, sondern um das Kreieren kaleidoskopartiger musikalischer Bilder, die den sozialen Abstieg der Hauptfigur Karl Rossmann auf ihre Weise widerspiegeln. Die Linearität des Erzählens war ihm dabei ebenfalls nicht so wichtig und auch die Szenenfolge könnte durchaus variieren, so der Komponist. Allerdings hat Regisseur Sebastian Baumgarten die Chronologie des Abstiegs des Auswanderers Rossmann in Amerika weitgehend beibehalten, was für die Nachvollziehbarkeit sicher kein Fehler war.

Oper "Amerika" in Zürich

"Amerika": Oper in zwei Teilen von Roman
Haubenstock-Ramati (1919-1994)
nach dem gleichnamigen Roman von Franz Kafka
Musikalische Leitung: Gabriel Feltz
Inszenierung: Sebastian Baumgarten
Weitere Infos und Aufführungstermine

Ganz herausragend ist die Licht-Regie und der Einsatz von filmischen Elementen, die das Labyrinthische des Romans optisch sehr eindrucksvoll umsetzen (Ausstattung: Christina Schmitt). Das korrespondiert dann auch sehr gut mit der oft sehr punktuellen, reduzierten, aber durchaus spannenden Musik.

Surround-Klänge stellen hohe Anforderungen

Ein Experiment bleibt die Oper dennoch – das hat schon mit den vielen Variabilitäten der Partitur zu tun. Jede Aufführung kann zu völlig anderen Ergebnissen führen. Für ein Stadttheater ist das natürlich kaum umzusetzen – auch die vielen Surround-Klänge stellen hohe Anforderungen. Und auch in ihrer sehr freien Art des Erzählens, oder soll man sagen Nicht-Erzählens, ist diese Oper nach wie vor ein Wagnis, das nicht immer gelingen muss. Aber wer die Gelegenheit hat, die Züricher Produktion zu sehen, sollte das unbedingt tun. Es ist die sicher ungewöhnlichste Kafka-Oper, die es in der Literatur gibt.

Sendung: "Leporello" am 4. März 2024 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (3)

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Samstag, 09.März, 22:35 Uhr

Androidas

Amerika Aufführung

Das schlimmste was ich im Leben gesehen habe. Musste den Saal verlassen. Jetzt brauche ich ein Psychologen.

Donnerstag, 07.März, 11:36 Uhr

AARTJE HUBER

AMERIKA

EIN SEHR SPEZIELLE PREMIERE. ICH LESE JETZ DAS BUCH WIEDER,
GENIESE DEN ABEND RÜCKWÄRTS. ES HAT MIR
GUT GEFALLEN, ANSTRENGEND, DIE MUSIK AUS VERSCHIEDENE LAUTAPRECHER GENIAL.DIE DAHINTERSTECKENDE ARBEITEN UNGLAUBLICH, GRATULIERE!

Dienstag, 05.März, 17:07 Uhr

Norbert Holzhey

America - Opernhaus Zürich

Ich war dort und es hat sich gelohnt. Natürlich sollte man die Story kennen sonst ist es zu verwirrend. Die Art der Musik ist sicher nicht jedermanns Sache, aber interressant ,Hervorheben muss man die Leistungen des Balletts, das dem gesammten Vortrag den nötigen Pfiff gibt. Mal was anderes, außergewöhnlich.

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