Milano: „Simon Boccanegra“, Giuseppe Verdi

© Brescia e Amisano / Teatro alla Scala

Giuseppe Verdis atmosphärisch wohl dunkelstes Werk wurde in der Neufassung von 1881 an der Mailänder Scala uraufgeführt (Regie: Der Komponist himself!). Seither hat es sieben Neuinszenierungen gegeben, deren berühmteste (und langlebigste) die Produktion Strehler/Abbado aus 1971 war.

Die vorliegende Inszenierung lag in den Händen von Daniele Abbado, der in Wien mit seiner Interpretation von “Don Carlos” kein sehr bedeutsames Zeichen gesetzt hatte. Auch in diesem Fall bot seine Auslegung des Werks keine neuen Ansatzpunkte und folgte dem Libretto (was heutzutage ja schon hervorgehoben werden muss); dabei gelang es ihm, der nicht immer klar zu verstehenden Handlung den Anschein eines gewissen logischen Ablaufs zu verleihen. Der Regisseur verzichtete auf das erwartbare mittelalterliche Ambiente und siedelte das Geschehen in den späten Jahren des 19. Jahrhunderts an. Die Kostüme (Nanà Cecchi) wirkten erfreulicherweise eher zeitlos, nur die Patrizier trugen in der großen Ratsszene Zylinder. Abbado war gemeinsam mit Angelo Linzalata auch für das Bühnenbild verantwortlich, Besonders schön das am Ende des Prologs (in dem nur ein paar unnötige Neonröhren störten) erscheinende Segelschiff mit gebauschter Takelage und reizvoll der den Garten der Grimaldi andeutende Baum zu Beginn des ersten Akts. Ansonsten wurde viel mit verschiebbaren Holzpaneelen gearbeitet, die eine rasche Änderung des Schauplatzes ermöglichten. Die ausgezeichnet arrangierte Ratsszene profitierte auch von der raffinierten Beleuchtung durch Alessandro Carletti).

In der Titelrolle war Luca Salsi nichts weniger als ein Ereignis. Man muss schon auf Tito Gobbi zurückgehen (ohne Piero Cappuccilli, Renato Bruson oder Leo Nucci nahetreten zu wollen), um einen derartigen Ausdruck von Wehmut und Einsamkeit des in seine Rolle bzw. Aufgabe gezwungenen Dogen zu vernehmen. So hatte Salsis machtvolles “Morte al Doge?” nicht so sehr den Ton der Empörung als den der Trauer. Die stimmliche Leistung des Künstlers wies ihn außerdem ein weiters Mal als den führenden Verdibariton dieser Jahre aus. Leider hatte er im Fiesco des Ain Anger einen Partner, der ihm nicht Paroli bieten konnte. Schon in seiner Auftrittsarie ließ der estische Bass ein derartiges Vibrato hören, dass es unter Wiener Opernaficionados als “Schepperer” bezeichnet worden wäre. Erstaunlich auch, dass Anger trotz seiner Größe als Persönlichkeit nicht vorhanden war. Wie schade um die berührende Auseinandersetzung mit Simone gegen Ende der Oper!

© Brescia e Amisano / Teatro alla Scala

Auch die gesangliche Qualität des Liebespaars war unterschiedlich. Die Leistung von Eleonora Buratto war ungleichmäßig: War ihr Sopran bei Amelias erstem Auftritt noch wie von einem Schleier umhangen, so klang sie in der Ratsszene mit sicheren Höhen überzeugend dramatisch, während es den tiefer liegenden Phrasen dann an Nachdruck fehlte. Darstellerisch blieb sie recht allgemein. Charles Castronovo hingegen war nicht nur schauspielerisch ein Heißsporn von Gabriele Adorno, sondern zeigte sich in diesem seinen Scaladebut im Vergleich zu Salzburg 2019 auch stimmlich überaus gefestigt und erfreute mit gekonnter Phrasierung und strahlendem Timbre.

Für Roberto De Candia war das Debut als Paolo Albiani sicher eine Herausforderung, brilliert er doch sonst im heiteren Repertoire. Es gelang dem Künstler, nach einer langwierigen Erkrankung wieder im Vollbesitz seiner stimmlichen Kräfte, der Figur auch gestisch die Züge eines Jago in nuce zu verleihen, wodurch die Rolle das ihr zustehende Gewicht erhielt. Als tüchtiger Pietro stand ihm Andrea Pellegrini zur Seite. Haiyang Guo und Laura Lolita Peresivana aus der Accademia der Scala ergänzten zuverlässig als Hauptmann der Armbrustschützen bzw. Magd Amelias. Der Chor des Hauses unter der Leitung von Alberto Malazzi brillierte wieder einmal und zeigte sich in den Massenszenen überaus spielfreudig.

Bilder: Brescia e Amisano / Teatro alla Scala

Was fehlte also dem trotz Angers negativer Leistung insgesamt sehr erfreulichen Abend? Es fehlte ein Dirigat, das aus dem vorzüglich spielenden Orchester des Hauses die nötige Spannung herausholte: Lorenzo Viotti, im französischen Repertoire hervorragend, weil er bei Massenet, Gounod und deren Genossen die Orchesterfarben ekstatisch aufrauschen zu lassen versteht, war nicht in der Lage, einen Bogen über die Komposition zu spannen; zwar sorgte er wiederholt für dramatische Momente, doch dazwischen hing die Spannung immer wieder so sehr durch, dass es fast langweilig wurde. Und das bei diesem Meisterwerk, das wohl als politisches und spirituelles Testament Verdis angesehen werden kann!

Durch die erfreulich traditionelle Regie und vor allem die Leistungen von Salsi, Castronovo und De Candia aber durchaus kein verlorener Abend.

Eva Pleus, 2. März 2024


Simon Boccanegra
Giuseppe Verdi

Teatro alla Scala, Mailand

14. Februar 2024

Inszenierung: Daniele Abbado
Musikalische Leitung: Lorenzo Viotti
Orchestra del Teatro alla Scala