Klagenfurt: „Il canto s’attrista, perché?“ von Salvatore Sciarrino als schwarze, bluttriefende Tragödie

Xl_il_canto-katzameier-sojer_c_tine_steinthaler-kl-2-24-1 © Martin Steinthaler

Flageolett-Töne der Streicher, Anblasgeräusche der Holzbläser aber auch bloße Geräusche treffen auf klassische Tongebungsverfahren der früheren Jahrhunderte. Salvatore Sciarrino, einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart, reizt in seiner neuen Oper „Il canto s’attrista, perché?“ ("Der Gesang wird traurig, warum?") sämtliche Möglichkeiten der Klangerzeugung aus. Sein eigentliches Markenzeichen mit großem Wiedererkennungswert und die Basis seines Gesangsstils sind aber die „gleitende Silbenartikulationen“. Dabei schwillt ein lang gezogener Ton an, erzeugt eine gewisse Spannung und mündet in einer schnellen Abwärtsfiguration in die Entspannung. Die kurze Figur schwebt zwischen Singen, Sprechen und Stille. Beinahe jeder Laut der Sänger und auch der Musiker lässt sich auf diese kurze Figur zurückführen und ist minutiös und subtil ausgearbeitet. Nur wirken die extrem kurzen Sequenzen irgendwie zusammenhanglos, bruchstückhaft und auf die Dauer von 90 Minuten recht monoton.  Sie werden hochambitioniert und bravourös vom Kärntner Sinfonieorchester unter dem sachkundigen und präzise agierenden Dirigenten Tim Anderson, einem ausgesprochenen Spezialisten für zeitgenössische Musik, gespielt.

In der Wahl der Stoffe wendet sich Sciarrino meist Mythen zu. Eigentlich ist die Handlung des neuen Werks das „missing link“ zwischen Christoph Willibald Glucks „Iphigenie“ und Richard Strauss „Elektra“. Sein selbst geschriebenes Libretto schöpft aus „Agamemnon“, dem ersten Teil der „Orestie“ von Aischylos. Im Zentrum der Handlung steht die furchtbare Rache Klytämnestras an Agamemnon, die ihrem Gatten weder die Opferung ihrer Tochter Iphigenie noch den Ehebruch verzeihen kann und diesen schließlich ermordet.

Die Uraufführung der neuen Oper, ein Kompositionsauftrag des Stadttheaters Klagenfurt in Koproduktion mit den Wuppertaler Bühnen, fand bereits hier 2021 statt, allerdings pandemiebedingt ohne Publikum, nur vor einigen Medienvertretern.

Höchste Anforderungen werden vom Sängerensemble verlangt, das auch die diffizilsten Passagen mit Bravour bewältigt: Nina Koufochristou ist eine Kassandra, die schwerelos gesangartistisch bis in höchste Höhen vorstößt. Iris Marie Sojer ist eine exzessive Klytämnestra mit dunkler Kraft. Otto Katzameier ist ein stimmgewaltiger Agamemnon mit riesigen blutigen Händen, der bezeichnenderweise gleich mit einer schwarzen Leichenkutsche ankommt. Tobias Hechler (Wachposten), Timothy Edlin (Herold) und der Chor des Stadttheaters (Einstudierung: Günter Wallner) aus dem Off vervollständigen die großartige Ensembleleistung.

Wie in einem Horrorfilm lässt Regisseur Nigel Lowery (auch Ausstatter) die Handlung ablaufen: Mit einem sich drehenden, in schwarzes Plastik verpackten Haus, laut Komponisten die Seele symbolisierend, das sich erst zum Schluss entblättert, wird die Tragödie nachtschwarz und albtraumhaft erzählt. Erwachsene und Kinder bilden einen kleinen Bewegungschor, teils mit pittoresken Puppenköpfen. In Videoeinspielungen bekommt man zum Finale schreckliche Einblicke in das schäbige, blutverschmierte Innere von Agamemnons Palast und der dort geschehenen Bluttaten: Ein Szenario des Untergangs bis der Schlusschor seine etwas zu langatmige Klage über die Illusion des Glücks mit dem knappen Ausruf „Schmerz und Erbarmen“ beendet.

Gemischter Applaus des Publikums, wobei doch einige Besucher auch schon während der pausenlosen Aufführung den Saal verließen.

Dr. Helmut Christian Mayer

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