Zürich: „Platée“, Jean-Philippe Rameau

Eigentlich klang die Idee der Regisseurin Jetske Mijnssen bestechend: Anstatt eine hässliche, eingebildete Frau, die zudem noch von einem Mann gesungen wird, dem allgemeinen Spott auszusetzen, machte sie aus der Sumpfnymphe Platée kurzerha:nd einen schwulen Souffleur und verlegte das Geschehen aus dem antiken Griechenland in ein heutiges Theater – wir erleben also Theater im Theater. Ben Bauer hatte dazu eine wunderbare Bühne konstruieren lassen, da gab’s wirklich viel zu sehen und zu entdecken. Vielsagend waren auch die Kostüme von Hannah Clark konzipiert, die Personen herrlich karikierend. Da begegnen wir also in Jetske Mijnssens Inszenierung von Rameaus bitterböser Komödie dem schwulen Souffleur Platée, der den Berggott Cithéron anhimmelt. Warum Platée sich ausgerechnet in diesen Chordirektor verguckt, der in seinem unmodernen, abgetragenen und dicken Strickpullover äusserst unattraktiv aussieht, dessen Füsse mit Wollsocken in Sandalen stecken (nicht nur bei Schwulen ein No-Go), die ausgebeulten Hosen trägt, dessen Haare lang, ungepflegt und strähnig sind, bleibt ein Rätsel. Wie sich zeigen wird, ist dieser Cithéron aber durch und durch hetero, kümmert sich (zusammen mit dem tuntig agierenden Gott Merkur, der hier Maskenbildner ist) liebevoll um die Babys der Göttin Juno. Immerhin versprechen Cithéron und Merkur dann dem etwas verdrückt und wenig selbstsicher daherkommenden Platée, dass der Gottvater Jupiter persönlich ein Auge auf ihn geworfen habe. Dieser Jupiter ist niemand anders als der Danseur Étoile des Balletts, ein Bild von einem Mann. Damit es zu dieser Handlung und ihren Verstrickungen kommen kann, muss natürlich auch noch nebenbei der Text des Librettos irgendwie eingebaut werden, in welchem es um Junos Eifersucht, um die Geburt der Komödie, um die Musen des Theaters Thespis, Thalie, Momus und den Liebesgott Amour geht.

(c) Toni Suter

So schleppt sich der erste Teil doch ziemlich dröge dahin, denn der Text dieser Oper gibt eben nicht genug her, um eine vertiefte Einsicht in die emotionalen Befindlichkeiten der Protagonisten in dieser von Jetske Mijnssen konzipierten neuen Verortung zu ermöglichen. Die vielen Divertissements Rameaus werden mit mehr oder weniger lustigen Pantomimen gefüllt, haben oftmals etwas Slapstickhaftes. Um dem Danseur Étoile zu gefallen, muss sich der schwule Souffleur bis auf die gelben Unterhosen ausziehen lassen und ins Tutu werfen, muss von der gestrengen, rauchenden Choreografin (La Folie, sie ähnelt der Eislauftrainerin Jutta Müller) angeleitet werden. Die Bühne verwandelt sich in ein antiquiertes Schwanensee-Bühnenbild, es treten lauter männliche Schwäne auf (wie in Matthew Bournes gefeiertem Swan Lake). Kinsun Chans Choreographie in diesem Werk, das Rameau als Ballet-bouffon bezeichnet hatte, mochte gut zu gefallen; das war alles sehr witzig und abwechslungsreich gestaltet. Trotzdem ging man ziemlich ratlos in die Pause und fragte sich, wie „woke“ es denn sei, einen Schwulen sich zum Affen machen zu lassen anstelle einer Frau.

Der zweite, kürzere Teil von PLATÉE wirkte dann glücklicherweise viel stringenter. Es gab witzige Anspielungen auf THE BEAUTY AND THE BEAST mit den tanzenden Möbeln, Tassen und Teekannen, eine tiefgründige Spiegelszene, einen Jupiter, der sich in der ganzen Konstellation eigentlich sehr wohl zu fühlen schien – und vor allem war’s nach der gemeinen, demütigenden Verspottung Platées durch den Chor und die Musen nicht zu Ende: Kurz bevor der Vorhang fiel, wurde in einem wunderbar poetischen Bild ein glücklicher Ausgung für den zuvor brutal ausgelachten und am Boden zerstörten schwulen Souffleur angedeutet. Mehr sei hier nicht verraten.

Viel beredter als aller Theater-auf-dem-Theater Schnickschnack auf der Bühne war die Sprache des Orchesters. Das hauseigene Orchestra La Scintilla, Benoît Hartoin am Cembalo, Claudius Herrmann (Violoncello) und Dieter Lange (Violone) liessen Rameaus farbenreiche Partitur unter der Leitung von Emmanuelle Haïm mit begeisternder Frische und immensem Farbenreichtum erklingen. Da quakten die Frösche, es rief der Kuckuck, es wieherte der Esel und man hörte und spürte den weichen Flügelschlag der Eule. Wunderbar!

(c) Toni Suter

Das ist nicht despektierlich gemeint, denn wie sich das gesamte Ensemble darstellerisch in Szene warf, war bewundernswert. Allen voran Mathias Vidal in der enorm umfangreichen Rolle des (der) Platée. Ob als schmachtender Verehrer in seinem mit Ballettplakaten von (männlichen) Tänzern tapezierten Kabäuschen oder als sich lächerlich machender Tänzer im Tutu, ob selbstverliebt in der Spiegelszene oder am Boden zerstört nach dem Spottgewitter – Mathias Vidal verkörperte diesen pausenlos agierenden Souffleur mit bewundernswerter Bühnenpräsenz. Seine Tenorstimme, ein Haute-Contre, eine Art Vorgänger des Tenors di grazia des Belcanto, glänzte mit Agilität und wunderbarer Farbigkeit des Ausdrucks. Evan Hughes (vom Intendanten an der Premierenfeier als „schönster singender Tänzer“ bezeichnet) ging großartig und mit toll gerundetem Bass in seiner Rolle als Ballettdivo auf, machte sowohl im Pelzmantel à la Nurejew als auch als männlicher Schwanenkönig ausgezeichnete Figur. Als seine eifersüchtige, matronenhafte Ehefrau Juno hatte Katia Ledoux nur wenige Auftritte, aber die machte sie mit ihren eifersüchtigen „Urknall“- Tönen zum Ereignis. Allerdings war man nicht erstaunt, dass sich Jupiter bei so einem Gewaltsweib lieber ab und zu anderswo rum sah. Renato Dolcini (stimmlich als indisponiert angesagt, hielt den Abend aber mit Bravour durch; man hofft bloß, dass er dadurch seine Stimme nicht ruinierte) spielte den so fürsorglichen Heteromann Cithéron, der sich zusammen mit dem mit wendiger Stimme gesungenen Mercure von Nathan Haller so liebevoll um Junos Babys kümmerte, wie wenn es seine eigenen wären. Alasdair Kent gab mit hellem, sicherem Tenor den betrunkenen Thespis, der unter dem Konzertflügel hervorkroch, um seine Hymne auf Bacchus zum Besten zu geben. Umtriebig und gekonnt manipulativ agierte Theo Hoffman als Momus, der Gott des Spotts. Mary Bevan glänzte als gestrenge und kettenrauchende Chefchoreografin in ihrer „verrückten“ Arie als La Folie mit wilden Koloraturen. Anna El-Kashem bezauberte in der Doppelrolle Clarine/Thalie und Tania Lorenzo sang eine selbstbewusste Amour, im zweiten Akt wie ein Conférencier im Cabaret vor dem Glitzervorhang. Spielfreudig agierten auch der Chor der Oper Zürich, der Statistenverein und vor allem die acht Tänzer.

(c) Toni Suter

Nach dem Showdown auf der gigantischen Hochzeitstorte ging man dann doch etwas versöhnlicher aus der Vorstellung, als man in die Pause gegangen war, obwohl man ob der intellektuellen szenischen Anspielungen auf den Existenzialismus eines Sartre (L’enfer c’est les autres) oder auf das absurde Theater Ionescos (Die Stühle) auch im zweiten Teil manchmal etwas verloren war.

Der Applaus des Publikums (einige Plätze blieben nach der Pause leer) für alle Ausführenden und das Regieteam war groß und einhellig.

Kaspar Sannemann 12. Dezember 2023


Platée
Jean-Philippe Rameau

Opernhaus Zürich

10. Dezember 2023

Regie: Jetske Mijnssen
Musikalische Leitung: Emmanuelle Haïm
Orchestra La Scintilla