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Der Pirat Oralto versucht energisch eine der beiden Nymphen-Schwestern für sich einzunehmen.

Noch nur aufdringlich: See- und Menschenräuber Oralto (Yevhen Rakhmanin), versucht erfolglos das Herz der Nymphe Licori (Chelsea Zurflüh) zu entern. Foto: Birgit Gufler.

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Korsaren-Kapriolen mit Belcanto-Aufsteiger:innen: „La fida ninfa“ beim Innsbrucker Vivaldi-Sommer

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Teil Zwei des Sommers mit Antonio Vivaldi bei den letzten Innsbrucker Festwochen der Alten Musik unter der Intendanz von Alessandro de Marchi! Sonderpreise des Cesti-Gesangswettbewerbs der Festwochen erhalten im Folgejahr die Einladung zur Mitwirkung in einer szenischen Produktion von Barockoper Jung. Auch in diesem Format gab es immer wieder erstklassige Stimmen- und Stückentdeckungen. Die opera seria „La fida ninfa" (Die treue Nymphe, RV 714) entstand zur Eröffnung des Teatro Filarmonico Verona am 6. Januar 1732, deren Komposition für den nach politischen Verwicklungen nicht mehr zur Verfügung stehenden Giuseppe Maria Orlandini übernommen hatte. Das Libretto schrieb Scipione Maffei. Die Liebeswirrnisse, Rivalitäten und glücklichen Fügungen im griechischen Inselparadies begeisterten.

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So unkompliziert wie behauptet ist diese Vivaldi-Oper allerdings nicht. Das liegt zum einen sicher am Satz der Instrumentalstimmen: Bei heutigen Ansprüchen an historisch informierte Aufführungspraxis liegen Vivaldis Gesangsstimmen stellenweise immer wieder vollkommen ungeschützt über einzelnen Streicherläufen oder anderen Instrumentationsdelikatessen. In „La fida ninfa“ etwa hat der tyrannische Korsar und Bassbariton Oralto eine solche Arie – lang, wirkungsvoll und kompliziert. Aber fast alles geht gut in der letzten von insgesamt vier Vorstellungen von Barockoper Jung seit dem 14. August. Chiara Cattani nutzt an Pult und Cembalo die Verve und Spiellust des Barockorchesters Jung zu einer beglückend forschen, straffen und dabei – wo es wichtig ist – lieblichen Wiedergabe. Die Kammerspiele im Haus der Musik liefern die dafür geeignete Akustik. Cattanis optimistische Impulsivität springt über, erfasst und treibt alle. Bühne und Orchester sind in hoher Synchronie und Reaktionsdichte. Nur manchmal lässt Cattani die Solisten am Ende langer Arien in leichte Müdigkeit und minimale Kurzatmigkeit geraten, auch weil sie mit Temperament und der Forderung nach rhetorischer Agilität alle in permanenter Hochspannung hält.

Das macht Vivaldis Pastorale und ihre Figuren menschlich: den Tyrann, den Vater Narete, dessen beide Töchter und deren beide ebenfalls geschwisterlichen Verlobten. Weil die Verheiratungsabsprachen vor dem Macht- und Liebestrubel auf der Insel Naxos schon länger zurückliegen und der Tyrann mitunter brutale, erotische Begehrlichkeiten zeigt, dauert es bis zum Happyend etwas. Das nutzen der Regisseur François de Carpentries und seine Ausstatterin Karine Van Hercke zu allerlei poetischen und auch genregerecht weniger harmlosen Episoden. Licori schaut unter einem Kopfputz aus Moosen wirklich aus wie eine Nymphe, der Galan Osmino wie ein sanfter Faun und der Tyrann erinnert ein bisschen an „Fluch der Karibik“ oder „Captain Hook“. Zwei Accessoires – ein sanftes Schaf (Attrappe) und die schwarze Flagge mit Totenköpfen – verraten, auf welche Genres es hier ankommt: Pastorale, Piraten und musiktheatrale Poesie. Sehr schön – de Carpentries zaubert mit leichter, leidenschaftlicher und (bei den Schurken) vorsätzlich grober Hand eine gut eingefädelte, kurzweilige und stellenweise komödiantische Idylle.

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Alternative zu Mozart?

Der ideale Tummelplatz also für die sechs jungen Solisten. Jede Stimme hat in diesem Umfeld ihren charakteristischen Gestus. Das machte an diesem Abend große Freude. Die beiden Schwestern-Nymphen: Chelsea Zurflüh (Licori) und die etwas tiefere Eline Welle (Elfina) haben farb- und substanzreiche Mittel für Vivaldis subtilen Arien-Cocktail, der, für ein Werk des frühen 18. Jahrhunderts, auffällig ensemblereichen Oper. Generell wissen alle Solist:innen mit Vivaldis Melodie-Kaskaden bemerkenswert geschickt und sensibel umzugehen. Von den beiden Counterstimmen repräsentiert Vojtěch Pelka (Tyrannen-Stellvertreter Morastio und erfolgreicher Liebhaber) den eher virtuos-heroischen Typus, Nicolò Balducci (Osmino) den auch mit der Stimme sanft lächelnden Elegiker. Als Konkurrenten agieren hier die beiden mehr schmiegsamen als wuchtigen Männerstimmen. Yevhen Rakhmanin gibt einen gut, das heißt fein konturierten Korsarenfürsten, Kieran White als Vater Narete sollte seine Anlagen zum Rossini-Tenor noch stärker kultivieren. Das sechsköpfige Ensemble zeigt, dass Vivaldi als Talentprobe, wenn man ihn ernst und zugleich locker nimmt, durchaus konkurrenzfähig zu Mozart ist. Zumindest, wenn er so schön und gut gelingt wie hier.

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