Klagenfurt: Die Uraufführung der Oper „Hiob“ stellt eindrucksvoll dieFrage nach dem Sinn des Leidens

Xl_hiob-klagenfurt-2-23-1_c_karlheinz_fessl © Karlheinz Fessl

„Aus, aus, aus ist es mit dir, Mendel Singer!“ Leise und gebetsmühlenartig wiederholt der schwarz gekleidete, langsam nach vorne schreitende Chor aus dem Dunkel heraus immer wieder diese Worte. Mit diesem starken, immer wieder auftauchenden Erinnerungsmotiv, so auch in der vorletzten Szene, beginnt die Oper. Mehrere tausend Jahre alt ist die Geschichte vom gottesfürchtigen Hiob. Trotz vernichtender Schicksalsschläge verliert er seinen Glauben nicht. Und immer wieder stellt sich da die Frage: Wieviel Leid ist einem Einzelnen zumutbar und wie geht er damit um?

Das ist das Thema der Oper „Hiob“, die jetzt als Auftragswerk am Stadttheater Klagenfurt nach mehrmaligen Verschiebungen wegen Corona uraufgeführt wurde. Grundlage dafür ist aber nicht die alttestamentarische Geschichte, sondern der gleichnamige Roman von Joseph Roth aus 1930 in der Bühnenfassung von Koen Tachelet, worüber Michael Sturminger, der auch für die Inszenierung übernommen hat, das Libretto verfasst hat.

Der österreichische Regisseur zeigt den erstaunlich aktuellen und zeitlosen Plot über Hiob, der hier Mendel Singer heißt, in dunklen Bildern (Ausstattung: Renate Martin und Andreas Donhauser). Auf einer fast leeren schwarzen Bühne, mit einem Podest auf einer Drehbühne und einem, sich immer wieder bedrohlich von oben herabsenkenden Element mit Neonröhren wirkt seine Personenführung sehr eindrucksvoll und präzise. Nur, manche Szenen hätten durchaus mehr Drastik vertragen.

Ständige Wiederholungen sind eines der vielen Stilmitteln von Bernhard Lang in seinem bereits 16. Musiktheaterwerk. Der österreichische Komponist vermag mit Clustern, Mikrotonalität aber auch mit Klezmer, Folk und Jazz sowie auch mit Zitaten, etwa aus Puccinis „Madame Butterfly“ oder Gershwins „Ein Amerikaner in Paris“, meist in Mischformen, eine ungemein starke Atmosphäre zu erzeugen. Zitiert wird so die Klangsprache der 1920er Jahre.  Lang gelingt es damit, die Verzweiflung aber auch die Lebensfreude zu vermitteln. Das mäßig moderne, ziemlich tonale, sehr zugängliche und gut anhörbare Werk ist äußert kontrastreich. Die Musik berührt immer wieder aber die allerletzte emotionale Ergriffenheit bleibt teilweise aus.

Das großbesetzte und durch ein Jazz-Trio erweiterte Kärntner Sinfonieorchester unter dem souveränen und punktgenau dirigierenden Tim Anderson weiß die Musik mit höchster Konzentration, Präzision und Engagement zu präsentieren. Die Gesangsstimmen wirken teils wie Rezitative, teils wie Sprechgesang. Alexander Kaimbacher ist ein extrem expressiv singender und intensiv spielender Mendel Singer. Exzellent sind auch der Chor (Einstudierung: Günter Wallner) und das übrige Ensemble mit Katerina Hebelková als seine sehr leidende Frau Deborah, Ava Dodd als kristallklar singende Tochter Mirjam, Viktor Rydén als feinsinniger Sohn Schemarjah und Benjamin Chamandy als kernig zu hörender Sohn Jonas. Steven Scheschareg zeigt in vielen Rollen seine große Wandlungsfähigkeit. Einfach phänomenal erlebt man den Countertenor Thomas Lichtenecker als beeinträchtigten und einzig überlebenden Sohn Menuchim, der gegen Schluss überraschend gesundet und ein berühmter Komponist wird.Sturminger lässt die Oper mit einem offenen Ende sehr berührend ausklingen, wenn Mendel Singer in den Armen seines Sohnes sagt:„Jetzt muss ich mich ausruhen, denn ich bin müde. Morgen gehen wir spazieren.“

Das Publikum zeigt sich restlos begeistert, es jubelt und spendet letztlich stehende Ovationen!

Dr. Helmut Christian Mayer

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