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Die schöne Helena | Antje Koark als Leona, Katja Bildt als Orest, Rexceluz Evangelista als Parthenis. Foto: Lutz Edelhoff
Die schöne Helena | Antje Koark als Leona, Katja Bildt als Orest, Rexceluz Evangelista als Parthenis. Foto: Lutz Edelhoff
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Unschön: Jacques Offenbachs „Die schöne Helena“ am Theater Erfurt

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Mit der „Opéra-bouffe“ „La belle Hélène“ (Die schöne Helena) hat Jacques Offenbach einen seiner grössten Triumphe gefeiert und an den Erfolg seines „Orpheus in der Unterwelt“ angeknüpft, ja ihn sogar noch übertroffen. Diese Opéra-bouffe darf als stimmiges „Kunstwerk par excellence“ und „epochemachendes Modell einer neuen Spielart des gesungenen Lachtheaters“ (Volker Klotz) verstanden werden. Es ist eine Parodie auf das antike Griechenland und seinen Mythos, aber auch der High Society und „Jeunesse dorée“ der Gesellschaft des „zweiten Kaiserreichs“ unter Napoleon III., also der Gegenwart des Komponisten. Im Theater Erfurt, wo man sich einer griechischen Spielzeit“ rühmt, hat man es nun auf die Bühne gebracht und sich gründlich verhoben.

Das Erfurter Missverständnis beginnt schon im Programmheft! Immer wieder ist da die Rede von der „Operette“. Ein offenbar nicht auszurottendes Vorurteil. Um es klarzustellen: „La belle Hélène“ ist keine Operette. Offenbach hat zwar einige „Operetten“ geschrieben, „kleine Opern“, aber das waren Einakter. Die überwiegenden seiner Werke gehörten der der Gattung Opéra-bouffe an.

Schon Egon Friedell hat in seiner geistreichen „Kulturgeschichte der Neuzeit“ von 1927 den Werken Offenbachs bescheinigt, dass sie „beißende, salzige, stechende „Persiflagen der Antike, des Mittelalters, der Gegenwart“ seien, „aber eigentlich immer nur Gegenwart und im Gegensatz zur Wiener Operette, die erst eine Generation später ihre Herrschaft antrat, gänzlich unkitschig seien , amoralisch, unsentimental, ohne alle kleinbürgerliche Melodramatik, vielmehr von einer rasanten Skepsis und exhibitionistischen Sensualität, ja geradezu nihilistisch.“

Um es mit Peter Hawig zu sagen: Es ist der „Rückzug ins Kleinkarierte und ‚Lebkuchenherz­hafte‘“, aber auch – ich ergänze – das Gemütliche, Affirmative, Heimatverbundene, Patrio­tische und Sentimentale, was die Operette von der Offenbachiade unterscheidet. All das war Offenbach fremd!

Hawig stellt die Offenbachaide „in den emanzipatorischen Kontext“ der Folgen der Französischen Revolution: „Vermenschlichung des Mythos, Entkleidung des Autoritären, Durchbrechen von Denkverboten, Infragestellung des Gegebenen.“  

Siegfried Dörffeldt hat die Offenbachiade klar und deutlich definiert: ,,Inhaltlich eine Parodie des Göttermythos, der Heldensage, der mittelalterlichen Romantik, der italienischen Renaissance, der deutschen Kleinstaaterei, vereinigt die Offenbachiade in ganz unbeschreiblicher und unnachahmlicher Weise allgemeine Gesellschaftssatire, Spiegelung der Sitten der Zeit, Verspottung aller scheinbaren Größe und angemaßten Autorität, Verhöhnung des Hoflebens … alles gehüllt in einen ‚Zustand der übermütigsten Bouffonerie‘“.

Obwohl sie häufig so bezeichnet wird, ist die „Schöne Helena“ eben keine Operette, sondern, wie Offenbach selbst sie bezeichnet hat, eine Opéra-bouffe, also eine komische Oper in drei Akten.

Die Uraufführung der „Schönen Helena“ am 17. Dezember 1864 am Pariser Théâtre des Variétés (im Programmheft der Erfurter Produktion steht irrtümlich 1866 als Uraufführungsdatum!) war ein Skandal – zumindest für die anwesenden Kritiker. Auch der Minister der schönen Künste wetterte im Hinblick auf Offenbach und seine „Schöne Helena“: „Diesen exzentrischen Stil, diese Vulgarität in der Form, die ebenso in der musikalischen als auch in der gesprochenen Sprache um sich greifen, wird man nicht lange akzeptieren können.“ Das Publikum, das wie Siegfried Kracauer in „Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit“ schreibt, bestand aus höchsten Adelskreisen und der Halbwelt. So fand man im Publikum Bankiers, Schriftsteller, Diplomaten, Kurtisanen aber auch kaiserliche Würdenträger, die großen Amüsierbedarf (sowohl intellektuell als auch sexuell) hatten und deutlich lockerere Moralvorstellungen als das Bürgertum, dieses Publikum war begeistert von der skandalumwitterten, gesellschaftskritischen wie Mythen demontierenden, respektlosen komischen Oper. „Die schöne Helena“ zeigt als Mythen-Travestie eine Gesellschaft im Betäubungszustand, die ihre kaum bewusste Untergangsstimmung als Dauer-Party inszeniert und das Pariser Lebensgefühl von 1864 auf den Punkt bringt. Dass Offenbach mit seiner Parodie der Vorgeschichte des Trojanischen Krieges seine eigene Zeit als Vorkriegszeit von 1870 diagnostiziert, konnte er nicht wissen, aber wohl ahnen. Der Antimilitarismus des Stückes, die Kritik am Hedonismus der untergangsreifen herrschenden Klasse – an der Spaßgesellschaft des Zweiten Kaiserreichs, die durch Geldverschwendung, Korruption und Zynismus glänzte, aber auch der Spott über einen halbseidenen Klerus – lassen keine Zweifel.

Das Stück ist eine grandiose Sittenparodie im antiken Gewand. Zusammen mit seinen Librettisten Ludovic Halévy, der auch am „Orpheus“ mitgearbeitet hatte, und Henri Meilhac bearbeitete er die griechische Sage vom Raub der spartanischen Königin Helena durch den trojanischen Prinzen Paris und spickte sie mit zahlreichen bissigen Seitenhieben auf seine eigene Zeit und subtiler Verspottung des Kaiserpaares.

Die schöne Helena gewann ihre provozierende Wirkung aber auch dadurch, dass viele historische Darstellerinnen in dem Stück nackt beziehungsweise fast nackt zu sehen waren. Das Themas Ehebruch war zentral, die Ehe wurde verspottet.

Die Handlung der Oper spielt am Hof von Sparta während des Adonisfestes. Die High Society amüsiert sich über die Brüskierung Jupiters durch die Wahl des Paris, der geldgierige Oberpriester Kalchas ärgert sich über langweilige Blumenopfer und trauert alten Zeiten nach. Die lüsterne Königin Helena (ihre Ehe mit Menelaus, dem König von Sparta, ist alles andere als prickelnd), vielleicht eine Karikatur Kaiserin Eugénies, geht Venus’ Weissagung nicht aus dem Kopf, dass einst der trojanischen Prinz Paris sie Helena, die „schönste Frau der Welt“, erobern werde. Sie sehnt sich nach Abwechslung von ihrem Ehealltag. Mit Spannung erwartet sie Paris, der sich ihr als Schäfer verkleidet nähert. Im dritten Akt, an der Strandpromenade in Nauplia, eine Parodie des mondänen Seebades von Deauville in der Normandie) ist es der königliche Trottel Menelaos selbst, der seine Gattin auffordert, das Schiff des verkleideten Paris zu besteigen bevor er entdeckt, dass er hereingelegt wurde. Er muss am Ende des Stücks feststellen, dass Paris die schöne Helena entführt hat. Und diese Entführung war bekanntermaßen die Ursache für den Beginn des Trojanischen Krieges!

Regisseur Ulrich Peters hat gut daran getan, in seiner Erfurter Inszenierung auf alle Aktualiserungen oder eine Übertragung in unsere Zeit zu verzichten. Zurecht bemerkt er im Programmheft, dass das Publikum klug genug sei, die Parallelen zu entdecken. Nur wenige aktuelle Anspielungen auf Klimawandel und Energiekrise etwa wurden der zuweilen etwas flapsigen deutschen Übersetzung des Librettos von Gunter Selling untergejubelt. Gottlob oder traurigerweise hat man ihn trotz Singens und Sprechens auf Deutsch kaum verstanden.

Das weit verbreitete Missverständnis des Offenbachsingens ist nicht auszurotten, hierzulande. Offenbach hatte viele seiner Darsteller mit Schauspielern besetzt, denn auf die subtile, wortverständliche Spachbehandlung kam es ihm an, ebenso wie auf ironische Zwischentöne, „Scherz, Satire, Ironie und tiefe Bedeutung“. All das vermisst man in Erfurt.

Was Peters aber vor allem vermissen lässt in seiner Inszenierung ist alle rebellische Chuzpe, pariserischen Charme, knisternde, raffinierte Erotik und jeglichen Esprit der Gattung von heiter-satirischem Unterhaltungstheater, die Offenbach ins Leben rief. Sexualität wird bei ihm stets ordinär und derb gezeigt, zumal der zwischen Helena und Paris unterm Sternenhimmel vorm heruntergelassenen Schleier, auf dem steht „Die Szene ist leider nicht jugendfrei“. Wie komisch! Helena ist bei ihm eine vulgäre Nymphomanin, alles andere als eine elegant lüsterne, frivole Dame.  

An der kostümlichen Phantasie Sarah Mittenbühlers, die grell karikierend und etwas holzhammerhaft einen Spagat zwischen Antike, Barock und Offenbachzeit wagte, lag es nicht, dass die Travestie nicht zündete. Eher an der konventionellen vollgerümpelten und massiv gebauten Bühne von Christian Floeren. Er setzte auf einen Prospekt mit der „Bourse de Paris“ samt animierten Börsenkursen, auf versetzbare klassische Arkaden, Himmelbett unterm Sternenhimmel, rotdampfender Spielhölle und blauweißen Badeliegen. Das Schiff des Paris fährt als qualmender Hochseedampfer mit Namen „Venus“ ein. Die klischeehafte Aufführung hat etwas von (mit Verlaub gesagt) „provinziellem“, spießigem „Operettentheater“ voller Versprechungen, die nicht eingelöst werden, immer am Rande des Kitschs, durch die grelle, demonstrative Beleuchtung von Torsten Bante gesteigert. Die Aufführung tritt auf der Stelle, ist langweilig, zu geschwätzig (zu viel dröger Dialog) und völlig spannungslos. Dafür jagt ein Kalauer den nächsten, es darf chargiert werden, dass sich die Balken biegen, eine Klamotte, weiter nichts. Nur wenige Musiknummern begeistern, das Trio im dritten Akt etwa, die Jodelnummern oder Schuhplattler und der Cythera-Chor.

Diese Mythentravestie zündet nicht. Liegt es an der Edition Keck, die man spielt? Wie weit hat man sich von ihr entfernt? Welche Freiheiten hat man sich genommen? Viel wird an Offenbach gesündigt. Man hört verstörende Klänge, Anklänge an den Einzugsmarsch aus Wagners „Tannhäuser“, kakophonisch verfremdet und anderes befremdend Neues, Verstörendes, Ungehörtes. Das Orchester, das für Offenbach zu tief versenkt war, spielt nicht eben champagnerisierend, wie man es bei Offenbach erwarten dürfte, eher bieder und trocken. Die Musiker des Philharmonischen Orchesters Erfurt klingen arg ausgedünnt und routiniert langweilig, unter ihrem üblichen Niveau. Zitate und musikalische Anspielungen dieser in Anführungszeichen komponierten Musik gehen unter. Das Pikante der Instrumentation bleibt fürs Ohr weitgehend außen vor. Nur gelegentlich lässt sich Dirigent Yannis Pouspourikas zu Temperamentsausbrüchen hinreißen, immerhin.

Aus dem großen Ensemble ragen neben der meines Erachtens völlig fehlbesetzten Almerija Delic (die nur mit ihrem Stimmvolumen protzt, aber alles andere als eine glaubwürdige Helena war), einige Stimmen und Darsteller überzeugend hervor, so Julian Freibott, der mit seinem zarten Tenor einen fragilen, sprachlich vorzüglichen Paris singt und spielt. Auch der trottelige Gatte von Helena, Menelaos, zeigt singschauspielerische Qualitäten. Rainer Zaun als Kalchss gibt dem Affen zu viel Zucker und macht aus dem Oberpriester, Seher und Großaugur Jupiters einen Entertainer im telegenen Blödelformat. Erwähnenswert ist Máté Sólyom-Nagy als Agamemnon. Der Rest des Ensembles ist durchaus rollendeckend. Der Chor (Leitung: Markus Baisch) singt meist zu laut, meist auch wortunverständlich und spielt völlig übertrieben „Klamauk“. Eine vertane Chance.

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