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Victoria Randem (Alida), Hanna Schwarz (Old Woman), Linard Vrielink (Asle). Foto: Gianmarco Bresadola
Victoria Randem (Alida), Hanna Schwarz (Old Woman), Linard Vrielink (Asle). Foto: Gianmarco Bresadola
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Gestrandet – „Sleepless“ von Peter Eötvös an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin uraufgeführt

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Peter Eötvös macht hier eine Geschichte zur Oper, von der man sich fragt, „wer hier welchen emotionalen Nährwert mitzunehmen vermag, so deprimierend niederdrückend sei diese, findet unsere Kritiker Joachim Lange und ergänzt: „Eötvös evoziert mit seiner Komposition eine Atmosphäre, die wie ein ausgebremster Britten wirkt und ihre emotionale Grundströmung beibehält.“

Peter Eötvös (*1944) ist ein versierter Opernkomponist mit sicherem Instinkt für Szene und Stimme. Seine „Drei Schwestern" (1996) nach Anton Tschechow etwa haben sich schon von vielen Bühnen aus nach Moskau gesehnt. In Kassel gab es unter Christof Nix 2002 eine Konfrontation mit der Schauspielvorlage an einem Abend. 2013 hat Herbert Fritsch mit diesaem Werk in Zürich als Opernregisseur debütiert. Die Deutsche Erstaufführung von „Love and Other Demons“, die Dietrich Hilsdorf (2009) in Chemnitz inszenierte, hat sich ebenso eingeprägt wie sein „Goldener Drache“, der in Frankfurt 2014 nach dem Stück von Roland Schimmelpfennig herauskam. Mit „Die Tragödie des Teufels“ versuchte er sich 2009 in München sogar an einer Faust-Oper. Mit anderen Worten: Eötvös hat die Latte der Erwartungen an eine Musiktheater-Novität von ihm selbst ziemlich hoch platziert. Dazu kommt, dass er als Uraufführungs-Dirigent seiner Werke für die denkbar größte Authentizität der Interpretation sorgt.

Auch jetzt stand er in der Berliner Staatsoper Unter den Linden am Pult der Staatskapelle. Sein jüngstes Werk „Sleepless“, das im gemeinsamen Auftrag der Berliner Staatsoper und des Grand Théâtre de Genève entstand, nennt er eine OPERA BALLAD. Der Text von Mari Mezei folgt der Trilogie des Norwegers Jon Fosse und ist von Judith Sollosy ins Englische übersetzt worden. 

Es ist im doppelten Wortsinn eine November-Oper geworden, die die Stimmung, die diesem Monat zugeschrieben wird, geradezu prozyklisch verstärkt. Von den besonderen Schatten, die die Pandemie verbreitet, gar nicht zu reden. Es liegt vor allem an der Geschichte – gegen dieses Norwegen, ist jeder Strindberg eine Ausgeburt von Heiterkeit. Obwohl es hier nichts zu lachen gab, musste man einmal doch schmunzeln. Da sperrte nämlich der eher zierlich gebaute junge Mann Linard Vrielink die resolute und mit den Abgründen ihrer Stimme und ihrer Aura immer noch faszinierende Hanna Schwarz kurzerhand in einen Kühlschrank. So wurde die alte Hebamme (ihre Rolle heißt Old Woman) zum dritten Mordopfer einer ganzen Serie. 

Die Geschichte des norwegischen Erfolgsautors Jon Fosse berichtet vom Verlust fast jeder Menschlichkeit. Die Assoziation mit Maria und Joseph auf der Suche nach einer Herberge einerseits, aber auch die mit den in den Wäldern zwischen Belarus und Polen festsitzenden Flüchtlingen sind Assoziationen, die sich hier auf Anhieb einstellen. 

Aber die wirkungsmächtige metaphorische Vorgabe der Bühne und die auf banale Verhaltensklischees fixierte Personenregie blockieren letztlich die assoziativen Vertiefungen. Ein gestrandeter Riesenlachs beherrscht die Bühne und lieferte alle benötigten Außen- und Innenräume. Dazu kommen eine Straßenlaterne, Fischerbote, Bierkästen und zwei kleine Laufbänder – man ist ja auf der Flucht. Die Kiemen sind Türen, im Fisch gibt es ein Bar und eine Küche in lachsrosa sozusagen. Dazu kommen ein paar Wolken und imaginierte Wellen. 

An dieser klischeetristen norwegischen Küste sind die hochschwangere Alide und der Vater ihres Kindes Asle verzweifelt auf der Suche nach einer Unterkunft. Sie werden durchweg ab- und so immer mehr auf sich selbst zurückverwiesen. Erst werden sie vom Besitzer eines Bootshauses rabiat vertrieben. Asle erschlägt den Mann, um an dessen Boot zu kommen. Als die beiden dann versuchen, bei Alides Mutter unterzukommen, werden sie auch von ihr abgewiesen. Diese Frau überträgt ihren Hass auf Alides Vater auf die gemeinsame Tochter.

In der Uraufführungsinszenierung von Kornél Mundruczó (Regie) und Monika Pormale (Ausstattung) ist sie eine Frau „ganz unten“ – sie ist mindestens dem Alkohol verfallen, wenn nicht drogenabhängig. Nachdem der Streit zwischen Mutter und Tochter zu Handgreiflichkeiten eskalierte, bringt Asle auch seine Schwiegermutter um. Auf ihrer Flucht dringen sie ins Haus der alten Frau ein, von der sie beharrlich abgewiesen worden waren. Hier kommt es zu dem Mord mittels Kühlschrank. Alida bekommt das Kind, verdrängt jeden Verdacht darüber, dass Asle für sie und ihr Kind mit dem Leben anderer bezahlt. Dass er gehängt wird und sie am Ende ihres Lebens ins Wasser geht, um wieder mit Asle vereint zu sein, gehört zum deprimierend Niederdrückenden dieser Geschichte, von der man sich fragt, wer hier welchen emotionalen Nährwert mitzunehmen vermag.

Dabei ist nicht nur das Bühnenbild von eindrucksvoller Opulenz, auch die Besetzung entspricht der im Detail erwartungsgemäß wieder fein ausgearbeiteten Musik. Eötvös evoziert mit seiner Komposition eine Atmosphäre, die wie ein ausgebremster Britten wirkt und ihre emotionale Grundströmung beibehält. Vor allem erlaubt sie den Protagonisten zu glänzen. Die Hauptlast tragen Victoria Randem als Alida und Linard Vrielink als der (negative) Held Asle. Katharina Kammerloher singt und spielt die Mutter Alidas ebenso virtuos wie Sarah Defrise die Prostituierte, die zwar Asle aber nicht dessen schwangere Frau aufgenommen hätte. Tómas Tómasson gibt den polternden „man in black“, der Asle als Mörder entlarvt und dafür sorgt, dass er gehängt wird. Roman Trekel (Boatman), Siyabonga Maqungo (Jewelier) und Arttu Kataja (Asleik) komplettieren zusammen mit den aus der Seitenloge singenden Damen-Sextette das überzeugende Protagonistenensemble.

Das Publikum bedachte den Abend mit einhelligem Beifall und stehenden Ovationen für den Komponisten.

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