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Rossini Opera Festival

Pesaro
11.08.2023 - 23.08.2023


Aureliano in Palmira

Dramma serio per musica in zwei Akten
Libretto von Giuseppe Felice Romani
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit italienischen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 30' (eine Pause)

Wiederaufnahme-Premiere in der Vitifrigo Arena in Pesaro am 12. August 2023
(Premiere der Produktion: 12.08.2014)


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Rossini Opera Festival

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Fiktive Geschichtsstunde mit teilweise bekannter Musik

Von Thomas Molke / Fotos: © Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival)

Rossinis 1813 in Mailand uraufgeführte ernste Oper Aureliano in Palmira nimmt eine Sonderstellung im Opernschaffen des Schwans von Pesaro ein. So ist es das einzige Werk, in dem Rossini die Partie des jungen Helden Arsace für einen Kastraten, Giovanni Battista Velluti, komponiert hat. In allen weiteren Opern hat er vergleichbare Partien als Hosenrollen mit Frauenstimmen besetzt, was daran gelegen haben mag, dass die Kastraten zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits aus der Mode gekommen waren. Rossini selbst bezeichnete die Uraufführung als absolutes Fiasko, was jedoch mehr der Besetzung als der Musik anzulasten war. Der Tenor für die Titelpartie musste zweimal umbesetzt werden. So stand mit Luigi Mari schließlich nur noch ein Sänger zur Verfügung, der den Anforderungen der Titelpartie weder stimmlich noch szenisch gewachsen war. Auch Velluti und die Sopranistin Lorenza Correa erhielten für ihre Interpretation des Liebespaars Arsace und Zenobia harsche Kritiken. Außerdem war die Handlung des jungen Felice Romani als fragwürdig. Eine Episode der römischen Geschichte zur Verherrlichung Napoleons zu verwenden, da Mailand zu der Zeit die Hauptstadt des Regno d'Italia, des italienischen Königreichs von Napoleons Gnaden, von Napoleons Stiefsohn Eugène de Beauharnais als Vizekönig regiert wurde, stieß in Mailand nicht auf allzu große Gegenliebe, zumal die Historie darin doch arg verfälscht ist. Folglich geriet das Werk sehr schnell in Vergessenheit, was Rossini die Möglichkeit gab, einen Großteil der Musik für andere Werke  erneut zu verwenden. So übernahm er beispielsweise die Ouvertüre eins zu eins in den Barbiere di Siviglia, was für heutige Ohren etwas merkwürdig anmutet, da man die Melodie keineswegs mit einer Opera seria verbindet.

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Zenobia (Sarah Blanch) und Arsace (Raffaella Lupinacci) lieben einander.

Die Handlung spielt im dritten nachchristlichen Jahrhundert. Der römische Kaiser Aurelian (Aureliano) belagert die Stadt Palmyra (Palmira), da die Königin Zenobia nach dem Tod ihres Gatten Odaenathus die engen Beziehungen zu den Römern abgebrochen hat und die Stadt mittlerweile in ihrer wirtschaftlichen Blüte eine bedrohliche Größe für das Römische Reich darstellt. Ihr zur Seite steht der persische Prinz Arsace, der nicht historisch belegt ist. Als er in römische Gefangenschaft gerät, begibt sich Zenobia in das Lager der Römer, um ihren Geliebten freizukaufen. Auch Publia, die Tochter des früheren Kaisers Valeriano, ist in den persischen Prinzen verliebt und hofft, dass er sich erneut dem Römischen Reich anschließt und Zenobia vergisst. Aureliano verweigert die Freilassung Arsaces, da einerseits der Prinz nicht bereit ist, auf Zenobia zu verzichten, und der Kaiser andererseits selbst in Zenobia verliebt ist. Zenobia kehrt zurück in die belagerte Stadt, um den Kampf gegen die Römer erneut aufzunehmen und erleidet eine schwere Niederlage. Inzwischen ist Arsace die Flucht gelungen, doch anstatt sich in einer friedlichen Hügellandschaft an den Ufern des Euphrats zu verstecken, stellt er sich erneut dem Kampf, um Zenobia zu retten. Dabei gerät er allerdings erneut in römische Gefangenschaft. Um der Sklaverei zu entgehen, will er Zenobia und sich selbst töten, wird aber von Aureliano und den römischen Soldaten daran gehindert. Publia ist bereit, auf ihre Liebe zu Arsace zu verzichten, und bittet Aureliano, den Prinzen zu verschonen. Aureliano ist von der Standhaftigkeit seiner Feinde so beeindruckt, dass er sie unter der Bedingung begnadigt, dass sie Rom ewige Bündnistreue schwören. Auf diese Weise kommt alles doch noch zu einem glücklichen Ende.

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Zenobia (Sarah Blanch, vorne) weist Aureliano (Alexey Tatarintsev) zurück (im Hintergrund rechts: Publia (Marta Pluda)).

Auch wenn Romani in seinem Libretto beteuert, sich "keinen Moment vom Wahrscheinlichen entfernt zu haben", geht er mit den historischen Begebenheiten doch sehr frei um. So hat Zenobia dem Römischen Reich keineswegs Treue geschworen, sondern ihren Lebensabend in Gefangenschaft in Tivoli verbracht. Das Inszenierungs-Team um Mario Martone will diesen Funken historischer Wahrheit nicht unbeachtet lassen und blendet beim zweiten Finale einen italienischen Text ein, der über den wahren Ausgang der Geschichte informiert. Ansonsten wählt Martone einen relativ abstrakten Ansatz, der im Gegensatz zu Stefano Podas Inszenierung von Eduardo e Cristina am Vortag (siehe auch unsere Rezension) die Geschichte nachvollziehbar erzählt. Sergio Tramonti hat dabei mit zahlreichen beweglichen Wänden ein flexibles Bühnenbild entworfen, das in sandfarbenen Tönen einerseits den Schauplatz optisch nachbildet und andererseits durch geschickte Lichtstimmungen diese Wände nahezu durchsichtig macht. Zunächst sind die Wände als großes Labyrinth angelegt, das die Unübersichtlichkeit der Kampfsituation betont. Wenn Aureliano im Verlauf des Stückes immer mehr Schlachten gewinnt, verschwinden die Wände nach und nach.

Da die Handlung in zahlreichen Rezitativen vorangetrieben wird, steht das Fortepiano ebenfalls auf der Bühne, und die Musikerin Hana Lee wird Teil der Inszenierung. In diesem Ambiente entstehen regelrecht opulente Bilder, was nicht zuletzt den Kostümen von Ursula Patzak zu verdanken ist. Dabei entwickelt die Inszenierung schon beinahe einen barocken Glanz. Für die Hirtenszene im zweiten Akt lässt Martone sogar echte Ziegen auf die Bühne führen, die der ländlichen Idylle fernab von allem Kampfgetümmel einen pastoralen Touch verleihen. Auch dezente Schattenprojektionen werden optisch bewegend eingesetzt. Wenn Aureliano Zenobia droht, sie im Triumphzug als Beute durch Rom zu führen, wird ein Wagen hereingefahren, auf dem Zenobia mit schwerem Goldschmuck behängt ausgestellt wird. Das ist optisch alles sehr beeindruckend und lässt über die verworrene und wenig nachvollziehbare Handlung hinwegsehen. Unklar bleibt lediglich, wieso Martone Zenobias General Oraspe sterben lässt. Inhaltlich macht es zwar durchaus Sinn, dass er bei Arsaces erneuter Niederlage gegen die Römer den Tod findet. Dass Martone ihn jedoch beim lieto fine im Schlussgesang wieder auftreten lässt, verwundert ein wenig.

Dass der Misserfolg bei der Uraufführung keineswegs Rossinis Musik anzulasten war, macht die Aufführung in Pesaro mehr als deutlich, auch wenn man Schwierigkeiten hat, sich bei der ernsten Geschichte auf die aus dem Barbiere bekannte Ouvertüre einzulassen. George Petrou fächert sie mit dem Orchestra Sinfonica G. Rossini zwar differenziert und pointiert auf. Man kann sich aber trotzdem nicht des Gefühls eines Fremdkörpers erwehren. Gleiches gilt auch für eine Arie Arsaces mit zahlreichen Verzierungen, die Rossini später für Rosina im Barbiere übernommen hat. Der von Mirca Rosciani einstudierte Coro del Teatro della Fortuna begeistert durch intensives Spiel und homogenen, kraftvollen Klang. Direkt der Anfang kann als musikalischer Höhepunkt bezeichnet werden, wenn der Chor die Gunst der Göttin Isis im Kampf gegen die Römer erfleht. Alessandro Abis punktet als Gran Sacerdote in der folgenden Arie mit profundem Bass.

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Arsace (Raffaella Lupinacci, vorne rechts) und Oraspe (Sunnyboy Dladla, Mitte) rebellieren mit dem Volk (Chor) gegen die Römer.

Auch die Hauptpartien sind allesamt großartig besetzt. Mit Raffaella Lupinacci und Sarah Blanch stehen obendrein zwei Absolventinnen der Accademia Rossiniana auf der Bühne, die mittlerweile auf eine große Karriere zurückblicken können. Raffaella Lupinacci ist seit ihrem Debüt in Pesaro als Marchesa Melibea 2012 schon beinahe ein regelmäßiger Gast und war auch schon bei der Premiere von Aureliano in Palmira 2014 beteiligt. Während sie damals die kleinere Rolle der Publia interpretierte, begeistert sie nun das Publikum in der Hosenrolle des Arsace. Mit rundem Mezzosopran und großer Wärme in der Mittellage gestaltet sie den Prinzen als den eigentlichen Sympathieträger des Stückes und besitzt auch in den Koloraturen und den Höhen eine enorme Durchschlagskraft. Dabei ist ihr Spiel absolut viril. Sarah Blanch war in Pesaro erstmals 2013 als Contessa di Folleville zu erleben und feierte im Anschluss große Erfolge in Bad Wildbad. Nun kehrt sie als Zenobia nach Pesaro zurück und punktet mit strahlenden Höhen und intensivem Spiel. In den Koloraturen begeistert sie durch große Beweglichkeit.

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Aureliano (Alexey Tatarintsev, vorne links) mit Licinio (Davide Giangregorio, Mitte) und den Römern (Chor)

Alexey Tatarintsev hat es dagegen fast schwer, neben diesen beiden Sängerinnen in der Titelpartie zu glänzen, was jedoch eher der Rolle als seinen stimmlichen Fähigkeiten geschuldet ist. Rossini hat einfach die schönere Musik für Zenobia und Arsace komponiert. Mit sauber ausgesungenen Höhen und einer kraftvollen Mittellage versucht er immer wieder, Arsace zu bewegen, auf Zenobia zu verzichten, und Zenobias Herz zu gewinnen. Die Duette mit Lupinacci und Blanch und das anschließende Terzett mit beiden geht durch bewegende Innigkeit unter die Haut. Trotzdem bleibt es klar, dass er gegen die Liebe der beiden keine Chance hat. So scheint es rational, wenn auch ein wenig unglaubwürdig, dass er am Ende bereit ist, den beiden die Freiheit zu gewähren, wenn sie Rom ewige Bündnistreue schwören. Doch auch der Schwur der beiden wirkt nach der Vorgeschichte eigentlich nicht glaubwürdig. Marta Pluda gestaltet die Partie der Publia mit warmem Mezzosopran und lässt vor allem in ihrer großen Arie im zweiten Akt aufhorchen, wenn sie beschließt, auf Arsace zu verzichten. Sunnyboy Dladla und Davide Giangregorio runden als Oraspe und Licinio in den kleineren Partien das Ensemble überzeugend ab. So gibt es für alle Beteiligten am Ende verdienten Applaus.

FAZIT

Es ist absolut lobenswert, dass das Rossini Opera Festival die Inszenierung dieser selten gespielten Oper nach neun Jahren noch einmal auf den Spielplan stellt und sie nicht nach wenigen Aufführungen in der Versenkung verschwinden lässt.

Weitere Rezensionen zu dem Rossini Opera Festival 2023



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
George Petrou

Regie
Mario Martone

Neueinstudierung
Daniela Schiavone

Bühne
Sergio Tramonti

Kostüme
Ursula Patzak

Licht
Pasquale Mari

Chorleitung
Mirca Rosciani



Coro del Teatro della Fortuna

Orchestra Sinfonica G. Rossini


Solistinnen und Solisten

Aureliano
Alexey Tatarintsev

Zenobia
Sara Blanch

Arsace
Raffaella Lupinacci

Publia
Marta Pluda

Oraspe
Sunnyboy Dladla

Licinio
Davide Giangregorio

Gran Sacerdote
Alessandro Abis

Un Pastore
Elcin Adil

Fortepiano
Hana Lee

 


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