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Arabella von Richard Strauss, Regie: Tobias Kratzer, Premiere am 18. März 2023 Deutsche Oper Berlin, Copyright: Thomas Aurin
Arabella von Richard Strauss, Regie: Tobias Kratzer, Premiere am 18. März 2023 Deutsche Oper Berlin, Copyright: Thomas Aurin
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An der Deutschen Oper Berlin schickt Tobias Kratzer „Arabella“ auf eine Zeitreise

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Tobias Kratzer hat eine beachtliche Reihe von Erfolgen hinter sich und zugleich sehr viel vor. Nicht nur seine Vorbereitung auf die Intendanz der Hamburger Staatsoper und der Ring in München stehen auf der Agenda dieses erfolgsgewöhnten Regisseurs – auch eine Richard-Strauss-Trilogie an der Deutschen Oper Berlin kommt dazu. Dieser Sinn für eine gewisse innere dramaturgische Logik der eigenen Arbeit gehört möglicherweise zu den Gründen für seinen anhaltenden Erfolg.

So dürfte er zum Beispiel unter den angesagten Regisseuren zu denen mit den meisten Grand Opéra Inszenierungen in Deutschland gehören. Was er jetzt an der Bismarckstraße mit der letzten gemeinsamen Arbeit des kongenial zusammenarbeitenden Komponisten- und Librettisten-Duos Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal, also der „Arabella“, begann, wird er an diesem Haus mit „Intermezzo“ (1924) und der „Frau ohne Schatten“ (1919) fortsetzten. Der „Dating-Oper“ (wie er sie im Programmheft nennt) wird er jene über das Eheleben und schließlich das märchenhafte Monumentalwerk über eine wirklich existenzielle Beziehungskrise folgen lassen, also nicht chronologisch vorgehen. Was schon bedeutet, sich auf den offenkundigen und den mitschwingenden Gehalt der Werke einzulassen.

Im Fall der am 1. Juli 1933 in Dresden uraufgeführten „Arabella“ ist der immer wieder durchschimmernde Bezug auf den „Rosenkavalier“ nicht unterlaufen, sondern von den Schöpfern durchaus so gemeint. Weder sind die Waldners meilenweit von den Lerchenauern entfernt, noch die schöne Arabella von der Fürstin Marie Therese. Und auch die Zdenka und Octavian verbindet zumindest der Geschlechtertausch. Wobei Zdenka keine Hosenrolle ist, bei der eine Frau einen Mann singt, der dann auch mal eine Frau spielt. Hier ist ein junges Mädchen in der Zwangslage, ihr Geschlecht zu verbergen, weil die Familie (auch dank der Spielleidenschaft des Familienoberhauptes) nur eine Tochter standesgemäß ausstatten kann. Nur eine reiche Heirat kann die Familie vor dem Ruin retten. Gleich in ihrem ersten Gespräch mit dem operettenkitsch-punktgenau auftauchenden (eigentlich vom Vater mittels Tochterporträt herbeigelockten), stinkreichen und obendrein attraktiven Traummann Mandryka, macht Arabella kein Hehl daraus, dass ihre Familie „zweifelhafte Existenzen, die halt so mitlaufen“ sind. Er weiß also, worauf er sich einlässt. Und sie? … Nun ja – es ist die Liebe-auf-den-ersten-Blick-Oper schlechthin mit der wir es zu tun haben, und die fängt gleich mit einem Auftakt-Happy-End an. Der Retter naht vor dem Rausschmiss aus dem Hotel und zückt seine Brieftasche – wie im dritten Akt dann die Kreditkarte. Dass sich das echte Happy End über drei Akte hinzieht, ist der Intrige zu verdanken, mit der sich eine fortschreitend verzweifelte Zdenka aus ihrer erzwungenen Travestie befreien will. Sie arrangiert für sich eine Liebesnacht mit Arabellas Verehrer Matteo, dessen bester Freund sie (als Mann) schon ist, den sie aber als Frau liebt. Es gehört zu den Feinzeichnungen in der Regie von Kratzer, dass hier die Möglichkeit mitschwingt, dass Matteo sich schon zu Zdenka hingezogen fühlte. 

Ansonsten nimmt der Regisseur beherzt feministischen Angriffen auf Arabella vor allem wegen ihres „Du sollst mein Gebieter sein“, den Wind aus den Segeln und macht aus der Liebesgeschichte von Arabella und Mandryka eine der Emanzipation einer selbstbewussten Frau, die nicht nur ihren Partner frei wählen, sondern auch die Beziehung zu ihm auf Augenhöhe mitbestimmen will. Am Ende reicht sie ihm nicht das Glas Wasser als Symbol der Verlobung, sondern schüttet ihm den Inhalt provozierend, verspielt und übermütig ins Gesicht.

Der erste Akt spielt tatsächlich in der detailverliebt nachgebauten Gründerzeitplüschigkeit eines Wiener Nobelhotels um 1860. Mit allen Schikanen der Ausstattung und – in des Wortes zweiter Bedeutung – solchen des Personals gegenüber zahlungsunfähigen Gästen. Eine Bühnenhälfte hat Ausstatter Rainer Sellmaier dabei jeweils als Guckkasten mit Rezeption, Salon oder Schlafzimmer gebaut, die andere mit einer Leinwand für Videonahaufnahmen in Schwarz-Weiß verdeckt. Marke: Distanz durch Nähe. Der zweite Akt spielt im Ballfoyer und liefert in der Machart von Ettore Scolas „Le Bal“ – Film mit wechselnden Kostümen und Verhaltensweisen eine Zeitreise bis dicht an unsere Gegenwart. Soll heißen: eine Geschichte der Emanzipation, die auch nicht verschweigt, dass man in den Zwanzigerjahren schon mal weiter war als in den dann folgenden Jahrzehnten. Dass man dabei zwar versteht, was die Kurzepisoden mit den Braununiformierten (mit roter Armbinde ohne Symbol) und den beiden Männern mit ihrem erotischen Bodenturnen sollen, ist das eine – ins Museum mit den genialsten Nebeneffekten werden sie es wohl nicht schaffen. Darüber, ob man an der Deutschen Oper im Text Juden zu Händlern macht oder Zigeuner in den Übertiteln weglässt, sollte man wirklich noch mal nachdenken. Wenn das der Anfang eines rückwärtsgewandten Durchkorrigierens der Geschichte ist, dann kann das zum Vorspiel einer Katastrophe werden. Wer eigentlich sollte sich durch einen originalen Hofmannsthal Text beleidigt fühlen? Und wie soll man Geschichte noch bewerten, wenn man die Ausgangspunkte einer Entwicklung von deren Ende her korrigiert?

Kratzer und sein Team nehmen alles in allem „Arabella“ auf eine kritisch, klug hinterfragende Art ernst und beim Wort. Wer sich darauf einlässt, kann die Geschichte in ihrer die Zeiten übergreifenden Lesart auch für voll nehmen. So, wie den „Rosenkavalier“. Lässt man sich zudem auf das Charisma dieser Musik ein, die sich in voller Absicht neben den Zeitgeist der Moderne der 30er Jahre (und ihrer Feinde!) stellt, dann hat „Arabella“ alle Chancen auch heute noch zu berühren. 

Donald Runnicles und das erwiesenermaßen straussaffine Orchester der Deutschen Oper belegen aufs Schönste, dass die post-spätromantische Opulenz von Richard Strauss auch in Berlin einen überzeugenden Sachwalter hat. Im Schwelgen deftig, im Zupacken subtil. Da stellte sich schnell die Balance zwischen den Sängern und dem Graben ein. Vor allem die späte Einspringerin Sara Jakubiak macht ihre Arabella zum faszinierenden vokalen Zentrum dieser Produktion. Schwärmerische Gefühle und selbstbewusste Kraft sind hier aufs Schönste vereint. Die überzeugend erzählte Geschichte der Emanzipation gibt es als Morgengabe obendrauf. Mit verzweifelter Eloquenz und mit ihrem Changieren zwischen den Geschlechtern überzeugt Elena Tsallagova als Zdenka ebenso wie Robert Watson als deren Traummann Matteo. Russell Braun hatte es da schwerer, machte aber auch aus seinem Mandryka eine sich nachvollziehbar entwickelnde Figur. Albert Pesendorfer stand mit seiner Ochs-Präsenz ebenso seinen Komödianten-Mann als Graf Waldner, wie Doris Soffel ihre sogar schon etwas abgründige Frau als dessen Gattin Adelaide. Auch Hye-Young Moon als Fiakermilli und das Grafentrio machten gute Figur. Am Ende schlug allen eine Woge der Zustimmung entgegen.

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