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 Owen Metsileng (Bouba), Emma McNairy (Lena). Foto © Olaf Malzahn
Owen Metsileng (Bouba), Emma McNairy (Lena). Foto © Olaf Malzahn
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Europas Geheimnisse auf Müllhalden in Afrika – Richard van Schoors „L'Européenne“ in Lübeck uraufgeführt

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Die Theater Lübeck und Halle haben sich in einem großen Opernprojekt zusammengetan, das durch den Fonds ‚Doppelpass‘ der Kulturstiftung des Bundes möglich wurde. Halle begann. Dort wurde 2018 Giacomo Meyerbeers „L‘Africaine“ experimentell mit Richard van Schoors zeitgenössischer Musik verfremdet. „Eine mutige und ehrgeizige Exkursion ins Unbekannte“ nannte Joachim Lange das Ergebnis, über das er am 30.09.2018 in NMZ-online berichtete. Mit einer Uraufführung zog Lübeck am 6. März 2020 nach und setzte mit van Schoors „L'Européenne“ einen aufregenden Kontrapunkt. Sie war als „Film-Oper“ plakatiert, mit dem Libretto von Thomas Goerge.

Müll und Schrott  …

Der Abend geht an die Nieren: ein Video auf einer riesigen Projektionsfläche lässt das Elend derer sehen, die an und von einer riesigen Müllhalde leben – irgendwo in Afrika. Unser europäischer Abfall lagert dort, von skrupellosen Leuten verkauft, trotz des Basler Übereinkommens von 1992. Wir sind den toxischen Unrat los, riechen den Gestank beim Vermodern und den Qualm beim offenen Verbrennen nicht, wissen die Gifte und die Bodenverseuchung weit weg. Lionel Poutiaire Somé, in Burkina Faso geboren und jetzt in Köln lebend, hat das Leid der Bewohner gefilmt, auch ihre „Cleverness“, mit der sie aus den Abfällen sich eine Existenz zu gewinnen trachten, mit bloßen Händen und Füßen. Sie werden Opfer ihrer Unkenntnis darüber, was ihr Tun für ihre Gesundheit bedeutet.

… und die Liebe

Auch das nimmt mit: Das Schicksal der Liebe zwischen einer Weißen und einem der Schrottverwerter. Sie ist verbunden mit Fluchtszenen übers Meer, Leben in Auffanglagern und unter Fremdenhass. Eingefangen ist das in Filmsequenzen teils von Somé, teils aus anderen Quellen. Herzstück aber ist sein Kurzfilm „Die falsche Seite“ mit Lena und Bouba im Zentrum. Lena ist die Europäerin, die der Operntitel meint, eine Berlinerin und Aktivistin in einer der vielen NGOs (= Non Governmental Organisation), die das Unrecht dieser Welt mindern wollen. Sie leidet an der Ungewissheit: „Wer ist der Herrscher meiner Seele?“, Ausdruck einer bipolaren Störung, durch die sie extrem suizidgefährdet ist. Aber sie lernt durch ihre Tätigkeit auf der Müllhalde, wo sie die kontaminierten Böden untersucht, Bouba kennen und lieben. Er ist anders, hoffnungsvoll und in der Lage, den Elektroschrott zu nutzen. Er entzieht ihm Geheimnisse wie Kontonummern und Passwörter, die er dann verkauft. „Europas Festplatten werden unser Haus bauen“, sagt er Lena, erfüllt von seiner Liebe und seinem falschen Bild von dem anderen Kontinent. Als sie zurückkehren muss, reist er ihr über die Mittelmeerroute nach, findet sie, erreicht sie aber innerlich nicht mehr. Mit Tabletten bringt sie sich um, und Bouba, ausgegrenzt, wird als ihr Mörder verhaftet. Trost für ihn: Die Ahnen sprechen ihn frei, sie sehen keinen Mord.  

Zwei Themenkreise werden exponiert, das Soziale, das mit dem Umweltproblem verknüpft ist, und das Biografische, das zwei Menschen betrifft. Beides verkettet zwei Welten. Afrika ist die eine, die die Oper als von den Ahnen bestimmt zeigt, von ihrem Credo „Es wird kommen, wie es bestimmt ist“. Ein farbenfrohes Video übermittelt das, bei dem Priester um eine Hasengöttin Boubas Abschied zelebrieren. Bouba wird gewarnt, will dennoch seine Zukunft selbst bestimmen, hofft auf die Europäerin Lena, ohne zu ahnen, dass der Kranken ihre Medizin nicht hilft, sie an ihr stirbt. Sie steht für die andere Welt, für Europa. So werden die beiden zu Symbolfiguren, dort das seinen Ahnen verpflichtete Afrika, hier das psychisch kranke Europa.    

Ein Künstlerkollektiv

Ein internationales Künstlerkollektiv hat an dieser Uraufführung im Rahmen des Projektes „I like Africa and Africa likes me – I like Europe and Europe likes me“ mitgewirkt. Einer von ihnen ist Thomas Goerge, 1973 in Freising geboren. Ganz in klassischer, fünf-aktiger Manier gestaltete er den knappen, zugleich vielschichtigen Text, der beiden Kontinenten Raum und Personal gibt. Er nutzt sogar Leitmotive, auch klassische. Eines davon, gleich am Anfang verwendet, ist der Text zu einem Beethoven-Lied: „Ich liebe dich so wie du mich, am Abend und am Morgen“. Diesem Libretto ordnet sich van Schoor, 1961 in Kapstadt geboren, ganz unter. Das Wort genieße „oberste Priorität“, bekräftigt er im Faltblatt zur Lübecker Aufführung. Er schätze das Libretto, weil es vieles thematisiere, „die Zerstörung der Umwelt, toxische Belastungen, Flüchtlingsströme und Migration, rechtsradikalen Populismus, Rassismus, die Aufarbeitung der Folgen einer menschenverachtenden Kolonialisierung“. Das ist eine Überfülle aktueller Probleme, die in 75 Minuten allenfalls zu nennen sind, keinesfalls fassbar gemacht werden können. Dennoch kann van Schoors sehr variable Musik der Oper einen inneren Zusammenhalt geben. Sie enthält Elemente aus europäischer Tradition wie Episoden mit lyrischem Melos oder dramatischen Bläserattacken. Sie hat schrille oder choralartige Chöre, unterschiedliche Sologesänge, auch ein Liebesduett mit harmonischem Terzschluss. Das Afrikanische ist eingebunden durch komplexe rhythmische Abschnitte oder durch imitierte Tierstimmen. Atemgeräusche oder die von Alltagsmaterialien erweitern die Klangwelt, die dennoch stets in nachvollziehbarer Art zur Handlung bleibt.   

Ahnenbeschwörung

Auch dem Ausstatter Daniel Angermayr, Österreicher des Jahrgangs 1974, gelingt es, vieles der diversen Ansätze aufzufangen. Vor allem den Videos, die mit ihrem fotografischen Realismus schnell dominieren, muss er auf der Bühne etwas entgegenstellen. Manches verdoppelt er durch eine andere Bedeutungsebene. Dazu gehört der Müllberg, der sich auf dem Bühnenboden fortsetzt. Später ist es zum Beispiel Lenas Tablettentod. Auch die Kostüme erklären viel: Bouba läuft unbekümmert mit weißem T-Shirt und Bluejeans umher, Lena dagegen im gelben Schutzanzug. Die bedeutsame Ahnenbeschwörung hat auf der Bühne andere kultische Gewänder als die im Video. Noch eindrucksvoller sind allerdings Szenen, bei denen der Vordergrund mit dem Dahinter korrespondiert. Dazu gehört Lenas Abschied vor dem aufsteigenden Qualm am Horizont oder das brutal trennende Gitter im Auffanglager der Bootsflüchtlinge.

Ein Bühnenerlebnis

Zwei aus dem Kollektiv stammen aus Burkina Faso. Der eine, Abdoul Kader Traoré, geboren 1982, ist als Performer der Hauptfigur an die Seite gestellt, der andere ist der Filmemacher Somé, der auch als Regisseur Spannendes zu gestalten versteht. Nur in wenigen Momenten hat man das Gefühl, dass die Realität des auf der Leinwand Gezeigten die Aktion auf der Bühne erdrückt. Häufiger scheint der Film die Solisten, auch den großartig sich einsetzenden Lübecker Chor (Einstudierung: Jan-Michael Krüger) intensiv herauszufordern. Emma McNairy wird dabei zu einer eindrucksvollen Lena, deren differenzierter Gesang die ganze Entwicklung dieser Figur noch verfeinert. Ihr Partner als Bouba ist der Tenor Owen Metsileng, auch er berührt durch Stimme und Intensität im Spiel. Gleich in mehreren Rollen bewähren sich der immer zuverlässige Bariton von Steffen Kubach und der Bass Youngkug Jin, Mitglied im Opernelitestudio. Dem gehörte vor wenigen Spielzeiten auch Caroline Nkwe an. Erfreulich zu erleben, wie sie stimmlich noch nuancierter geworden ist und ihre Spielfreude bewahrt hat.  

Da auch das Orchester unter Andreas Wolfs Leitung sehr differenziert den ungewohnten Anforderungen nachkam, entstand eine qualitativ hochstehende Uraufführung, die als musikalisches und theatralisches Ereignis überzeugte. In ihrer Aussage entließ sie den Zuschauer nachdenklich oder ratlos. 

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